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Büchner-Kenner Reinhard Pabst : Die Datierung ist geradezu leichtfertig

Bild: Archiv, picture alliance / dpa, Wolfgang Eilmes

Streit um den Gießener Dachbodenfund: Zeigt die vor wenigen Tagen aufgetauchte Zeichnung wirklich Georg Büchner? Reinhard Pabst, Büchnerkenner, Realienjäger und Literaturdetektiv, meldet erhebliche Zweifel an.

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          Herr Pabst, kaum jemand hat ähnlich große Erfahrungen  im Aufstöbern verschollener oder unbekannter  Schriftstücke und Dokumente wie Sie. Hat Sie der Gießener Dachbodenfund überrascht? Oder war zu vermuten, dass der Theatermaler August Hoffmann mehr als nur ein Porträt von Georg Büchner angefertigt haben könnte? 

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Büchner muss man stets auf Überraschungen gefasst sein. Aber soweit ich das im Moment erkennen kann, sind beim Gießener Zufallsfund doch wohl erhebliche Zweifel angebracht. Wer sich eingehender nicht nur mit Büchners Texten, sondern auch mit seinen biographischen Zeugnissen und vor allem mit der Büchner-Ikonographie beschäftigt hat, muss diesem Fund mit großer Skepsis gegenüberstehen.

          Warum?

          Gegenfrage: Was spricht denn überhaupt dafür, dass es sich als echt erweisen könnte? Günter Oesterle, Roland Borgards, Burghard Dedner und Ralf Beil, die den Fund vor einigen Tagen vorstellten, haben meines Wissens nicht den geringsten dokumentarischen Anhaltspunkt, kein noch so winziges Fitzelchen Papier, wodurch zweifelsfrei belegt würde, dass der Abgebildete tatsächlich Georg Büchner ist.  Die „Übereinanderblendungen“ und „Animationen“, die bei der Präsentation des Fundes gezeigt wurden, sind meines Erachtens kaum mehr als  Effekthascherei. Außerdem ist es ein Trugschluss zu meinen, die angekündigte Papieranalyse könne irgendetwas zur Aufklärung beitragen. „Echt“ oder „gefälscht“, darum geht’s doch überhaupt nicht! Der zu erwartende Nachweis, dass das Papier aus der Büchner-Zeit stammt, ist ebenso wenig beweiskräftig wie der Umstand, dass das Bild in einer Mappe oder Schatulle mit Darmstädter Ansichten gelegen haben soll.

          Reinhard Pabst
          Reinhard Pabst : Bild: Privat

          Roland Borgards  argumentiert mit der ja auf den ersten Blick zu erkennenden Ähnlichkeit der Gesichtszüge. Die Übereinanderblendung soll die erstaunlich hohe Übereinstimmung ihrer Proportionen belegen.

          Ja, aber diese sogenannte Beweisführung steht doch auf sehr unsicherem Boden. Lassen Sie uns doch zunächst einmal über das konkrete Bild des Menschen Georg Büchner reden. Als Vorlage für seine Computer-Animation dient Borgards das sogenannte Lockenporträt, das 1944 in Darmstädter Familienbesitz verbrannte und das wir heute lediglich in einer Reproduktion von 1930 kennen. Diese Reproduktion ist jedoch gegenüber dem Hoffmann’schen Original ihrerseits eigenartig verzerrt. Das Gesicht Büchners wirkt darauf „breit und leichenhaft aufgeschwemmt, weil es die Struktur seiner dem Betrachter zugewendeten Hälfte verloren hat“, das hat Thomas Michael Mayer bereits 1987 festgestellt. Deshalb ist es zweifelhaft, wenn nicht sogar abwegig, ausgerechnet diese deformierte, deformierende Reproduktion von 1930 als Beleg für eine „absolute Identität“ heranzuziehen, wie dies Oesterle in einem MDR-Interview getan hat. Darüber hinaus ist zu sagen: In einem Oesterle und seinen Mitstreitern offenbar nicht bekannten Zeitungsartikel aus dem Jahr 1973 über das Aussehen Georg Büchners betonte Anton Büchner, ein Enkel von Georgs Bruder Wilhelm, verglichen mit späteren, entstellenden und vergröbernden Reproduktionen zeigten die allerfrühesten Aufnahmen, die im 19. Jahrhundert von dem Hoffmann’schen Original gemacht wurden, „ein schmaleres Gesicht“. Das kann ich bestätigen: Ludwig Büchner hatte bei der Zürcher Büchner-Feier im Jahr 1875 fotografische Abzüge des Porträts im Polenrock an ausgewählte Teilnehmer ausgegeben. Einen dieser Abzüge habe ich vor zwanzig Jahren bei meinen ausgedehnten Recherchen in Schweizer Privatbesitz entdeckt. Und darauf ist Büchner dem „roten Korsar von Darmstadt“, wie Sie das Dachbodenporträt in der F.A.Z. genannt haben, durchaus unähnlich. Die Gesichtsform ist also keineswegs exakt die gleiche. 

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