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Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ : Dieses Gedenken hat Zukunft

  • -Aktualisiert am

Die Berliner Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ etabliert eine neue Form des Gedenkens an den NS-Terror. Erstmals wird ein gemeinschaftliches Erinnern ermöglicht, eines, das jenseits des „Nie wieder!“-Mainstreams liegt.

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          Endlich verweist diese schreckliche Vergangenheit auf eine Zukunft.“ - Das war es etwa, was ich, europäische Jüdin und Historikerin, dachte, als ich mir einige der Ausstellungsobjekte des Themenjahrs „Zerstörte Vielfalt“ ansah. Die Stadt Berlin hat es organisiert, um den achtzigsten Jahrestag der Machtergreifung Hitlers sowie den fünfundsiebzigsten der Pogromnacht vom 9. November zu begehen. Ich verfolge die Entwicklung Berlins seit 1971.

          Mit den verschiedenen Objekten, die im ganzen Stadtraum ausgestellt werden, versucht „Zerstörte Vielfalt“ zu zeigen, wie die Nazis systematisch die Diversität Berlins, seine Brillanz und Kreativität zerstört haben. Sie attackierten und vertrieben Menschen, sperrten sie ein oder ermordeten sie. Nicht nur Juden und Jüdinnen, sondern auch Roma und Sinti, Dunkelhäutige, Homosexuelle und natürlich Behinderte. Zu letzterer Gruppe wurden auch die körperlich nichtbehinderten tauben Menschen gezählt. Manche Menschen wurden also für ihre widernatürliche Essenz verfolgt, für das was sie „waren“.

          Der Haken der Gedenkindustrie

          Die Angriffe richteten sich aber auch gegen Intellektuelle, Künstler, Musiker, Journalisten, Geistliche, Ärzte, Bürokraten, rechte wie linke Politiker und ganz durchschnittliche Bürger, die den Mut hatten, zu widersprechen - sie also wurden attackiert für das, was sie taten, „verbrachen“. Natürlich ist dieses Wissen nicht neu, und auch die Filme, Tagebücher, Briefe, das Archivmaterial und die Objekte, die gezeigt werden, fügen unserem Verständnis dieser Epoche eigentlich nichts hinzu.

          Biographische Ausstellungssäulen vor dem Brandenburger Tor
          Biographische Ausstellungssäulen vor dem Brandenburger Tor : Bild: KPB/Christian Kielmann

          Die Originalität und Bedeutsamkeit von „Zerstörte Vielfalt“ liegt anderswo: in der Arbeit, die es bedeutete, die Häuser und Arbeitsstätten all jener zu identifizieren und zu Ausstellungsorten zu machen, die Verteidiger der deutschen Vielfalt waren. Das gleiche gilt für die Gebäude der Institutionen in Presse und Handelswesen, die für Widerstand gegen die Nazis standen.

          Im Katalog wird daraufhin gewiesen, wie sehr diese Arbeit noch im Entwicklungsprozess steckt - aus offensichtlichen Gründen. Denn auch das heutige Berlin befindet sich mitten in einem Entwicklungsprozess, und die dynamische Kraft des Gegenwärtigen beeinflusst die Art und Weise, wie die Vergangenheit rekonstruiert wird. Im letzten Viertel des letzten Jahrhunderts war Berlin das Zentrum einer Industrie des Gedenkens und der Reue für die Nazi-Jahre. Es gibt Monumente, Mahnmähler und Museen, mit denen Berlin des Verlusts gedenkt, den die Vertreibung oder Ermordung der verschiedenen Opfergruppen für Deutschland bedeutet. Nicht selten stand die Stadt stand dabei im Zentrum internationaler Auseinandersetzungen. Der Haken allerdings war stets, dass es nicht gelang, eine Erinnerungsform zu finden, in der aller Opfer gemeinsam gedacht werden kann.

          Eine Art Nullsummenspiel

          Ein früher Vorstoß in diese Richtung entpuppte sich als gigantischer faux pas: 1993 wollte die deutsche Regierung aller Opfer von Krieg und Diktatur gedenken, an der Pietà von Käthe Kollwitz in der wiedereingeweihten Neuen Wache. Das Ergebnis war katastrophal. Juden in Deutschland und der ganzen Welt protestierten gegen ein Mahnmal, das sie auf eine Ebene gestellt hätte mit deutschen Soldaten und während des Krieges umgekommenen Nazis. Und noch dazu mit einem stark christlich besetzten Symbol, der Pietà, in einem aller Differenzen beraubten, historisch völlig bedeutungslosen allgemeinen Lobgesang auf den Frieden.

          Auch als Ergebnis auf diese Proteste waren Gedenkveranstaltungen und -gebäude in den letzten zwanzig Jahren häufig sozusagen maßgeschneidert: das spezifische Leiden, die spezifische Geschichte jeder einzelnen Gruppe sollte anerkannt werden. Darüber wachten jene, welche diesen jeweiligen Identitäten zugehörten, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Für sie war Gedenkkultur eine Art Nullsummenspiel, in welchem sie ihre Vergangenheit gegen die der anderen verteidigen mussten.

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