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Anregend, subtil, verlogen : Drei Ansichten über Kracauers „Ginster“

  • Aktualisiert am

Siegfried Kracauer im Jahr 1930 Bild: akg-images

Frankfurt liest derzeit ein Buch: Siegfried Kracauers Roman „Ginster“. Die F.A.Z.-Redakteure Lorenz Jäger, Jürgen Kaube und Andreas Platthaus haben sich an der zweiwöchigen Veranstaltung  beteiligt. Wir präsentieren ihre Thesen im Kurzvideo und in der Vortragsfassung.

          2 Min.

          Siegfried Kracauers Roman „Ginster“ steht noch bis zum 28. April im Mittelpunkt des Literatufests „Frankfurt liest ein Buch“. Wir dokumentieren die im Redaktionsgebäude der Frankfurter Allgemeinen gehaltenen Vorträge.

          Wie eng Kracauers journalistische Tätigkeit mit seinem 1928 veröffentlichten Roman verbunden ist, arbeitet Andreas Platthaus in seinem Vortrag heraus. 1921 hatte Kracauer begonnen, für das führende Blatt seiner Heimatstadt zu schreiben, die „Frankfurter Zeitung“, damals eine der wichtigsten deutschen Tageszeitungen, zu deren bekanntesten Feuilletonisten er gehörte. Wie seine Kollegen produzierte er Artikel, die in einer der jeweils drei täglich erscheinenden Ausgaben veröffentlicht werden konnten, die von Montag bis Samstag an den Kiosken landeten. Lediglich am Sonntag erschien die Zeitung in einer einzigen Ausgabe. In diese „kontinuierliche Feuilletonfortschreibung“, die eine „Beobachtung der Wirklichkeit“ in 19 Folgen pro Woche gestattete, ordnet Platthaus auch „Ginster“ ein, mit dessen zweitem Kapitel am 8. April 1928 der Vorabdruck des Romans auf der ersten Seite des „Zweiten Morgenblatts“ der „Frankfurter Zeitung“ begann.



          Gedacht hatte Kracauer sich das Buch als „Roman aus der deutschen Republik“, der zeigen sollte, wie das Land sich im Ersten Weltkrieg dem überlassen hatte, was es auch in der Nachkriegszeit politisch anfällig machte. Der Roman, fährt Platthaus fort, sei Kracauers Versuch gewesen, „die Vorgeschichte zu dem zu erzählen, was er in seiner Alltagstätigkeit bei der Zeitung beschrieb“. Diese Fortsetzung des Feuilletons mit anderen Mitteln äußert sich auch auf eine zweite, entscheidende Weise. Einige seiner Zeitungsartikel hat Kracauer unter dem Pseudonym „Ginster“ publiziert. Der Protagonist des Romans hat seinen Namen nicht aus einem Vers, sondern aus der Alltagsarbeit des Autors. Aufmerksame Frankfurter Leser, folgert Platthaus, dürften den Verfasser des anonym vorabgedruckten und später auch veröffentlichten Romans daher erraten haben.



          Den auf diese Weise gefundenen Ähnlichkeiten zwischen Ginster, der Romanfigur, und Ginster, dem für die Zeitung schreibenden Kracauer, hält Lorenz Jäger entgegen, was die beiden am stärksten unterscheide: ihre Haltung zum Krieg während der Kriegsjahre. Steht der erfundene Ginster dem Kräftemessen der Völker von Anfang an skeptisch gegenüber, schreibt der reale Kracauer noch 1915 den Essay „Vom Erleben des Krieges“. In ihm und anderen Texten äußert er zeittypisch kampfaffine Gedanken wie den, dass der Weltenbrand noch die „blödesten Menschen“ lebendig mache und ihnen die Gelegenheit biete, sich aus den Fesseln des zivilen Alltags zum Einsatz für ein höheres Ideal zu befreien. Kracauer, kritisiert Jäger, blende seine reale Kriegsbegeisterungsgeschichte aus der angeblich so autobiographisch angelegten Figur Ginsters aus, als habe es sie nie gegeben. Aufgrund der Blindheit in eigener Sache gebe es gute Gründe dafür, in Kracauers Roman „eines der verlogensten Bücher der neueren deutschen Literatur“ zu sehen.

          Eines der rätselhaftesten allerdings auch. Ernst Bloch lobte den merkwürdig ereignislosen Roman des Freundes schon im Januar 1928 für seine „Entspanntheit“ und verglich die Gestalt Ginsters mit Charlie Chaplin, eine später von Joseph Roth wiederholte Behauptung, der Jürgen Kaube nachgeht. Ein Ausschnitt aus dem 1916 gedrehten Kurzfilm „The Floorwalker“ und Passagen aus Kritiken, macht deutlich, wie der Komiker von seinen zeitgenössischen Zuschauern als Slapstick-Befreier aus allen logischen Zusammenhängen wahrgenommen wurde, als gänzlich ungebunden, für nichts stehend, als Mensch schlechthin. Dies sei der Punkt, an dem der für nichts einstehende Ginster, weder für den Krieg noch besonders feurig gegen ihn, weder handelnd noch scheiternd, ihm gleiche. „Ginster“, schließt Kaube, sei „der unterhaltsamste deutsche Roman ohne Handlung“.



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