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Album der Woche: Judith Holofernes : Bin ich denn jetzt dein Quasi-Hasi?

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Ein leichtes Schwert“ Bild: Julia Gajewski

Pulp und Blur, ach! Damon Albarn. Guck mal, wie se hier noch jung warn!: Auf ihrem neuen Soloalbum übt sich Judith Holofernes in leicht überdrehter Lyrik - die Musik dazu klingt ziemlich gut.

          Das lustig-wütende Versprechen, mit dem sie vor mehr als zehn Jahren antrat - „Meine Stimme gegen die der ganzen Talkshownation“ -, konnte Judith Holofernes schließlich doch nicht halten. Irgendwann saß die Sängerin mit dem absurden Künstlernamen, die damals mit ihrer Band „Wir sind Helden“ ein Lied mit dem schlichten Titel „Guten Tag“ zum Überraschungshit gemacht hatte und folglich kometenhaft aufgestiegen war, dann doch selbst im Fernsehen auf dem Sofa mit üblichen Verdächtigen wie Richard David Precht und Heiner Geißler.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Ihre ausposaunte Verweigerungshaltung gegen Konsumismus, Neoliberalismus und Globalisierung bei gleichzeitig praktischer Plakatierbarkeit als „starke junge Frau“ lud zu Nachfragen natürlich auch ein, und ihr Mitteilungsbedürfnis war wohl von jeher groß. Aber vielleicht sollte es ja auch nur der Beginn eines langen Marsches durch die Institutionen sein - die Sängerin und ihre Band bemühten sich jedenfalls stets redlich, mit dem wachsenden Erfolg kritisch quasselig umzugehen, sogar in einem Buch mit teilweise erhellender Kritik am Jargon der Musikindustrie. Als Judith Holofernes dann vor drei Jahren auf das Angebot der „Bild“- Zeitung, für diese zu werben, mit einem vielbeachteten offenen Brief in dem für sie typischen Empörungsjargon antwortete („Ich glaub’, es hackt!“), musste sie wieder auf die Sofas.

          Im Jahr darauf war dann auf der Website der Band zu lesen: „Wir sind erst mal raus.“ Nach vier Alben, langen Touren, zwei Millionen verkauften Platten und auch um etwas Elternzeit zu haben, brauchten „Wir sind Helden“ eine Pause, vielleicht sogar für immer, hieß es - was man natürlich auch wieder als Ankunft im Popgeschäft mit seinen nie endgültigen Auflösungen deuten kann, wenn nun knapp zwei Jahre später von Judith Holofernes ein Soloalbum erscheint, bei dem ihr Bandschlagzeuger und Ehemann mit dem noch tuffigeren Künstlernamen Pola Roy maßgeblich beteiligt ist.

          Doch wie auch immer man zu all dem steht - die Musik für „Ein leichtes Schwert“ (Four Music/Sony) ist ziemlich gut geworden. Mit dem Song „Liebe Teil zwei: Jetzt erst recht“ erschließt die Sängerin voll und ganz die Zielgruppe der gestressten Jungeltern, die zur Not auch mal alles den Kindern in die Schuhe schieben. Der an John Updike erinnernde Titel „Hasenherz“ zielt dagegen nicht auf Ehebrecher, sondern weckt eher schüchterne Schülererinnerungen an Liebesbriefe mit Ankreuzmöglichkeit: „Bin ich jetzt dann quasi strenggenommen so was wie dein Quasi-Hasi?“

          Die Neigung zum kindlichen Kalauer wird hier oft etwas überreizt, aber das machen Sprachschöpfungen wie eine „Müßig-Gang“, die zu gründen das Lied „Nichtsnutz“ aufruft, durchaus wieder wett. Und die Zeile „Nichts wärmt den Rücken so wie brennende Brücken“ klingt wie auch der zugehörige Song nach einer schönen Antwort auf Tracy Chapman. Es ist eine Platte voller Hommagen geworden, mal musikalisch an Paul Simons „Graceland“, mal textlich, wenn Holofernes sich ähnlich wie in Billy Joels „We Didn’t Start the Fire“ durch eine wahre Textkaskade aus der Popgeschichte kämpft: von „Ike und Tina, Desmond Dekker / Percy Sledge und Chubby Checker“ bis zu „Pulp und Blur, ach! Damon Albarn / Guck mal, wie se hier noch jung warn!“. Das Stück spießt die Mixtape-Kultur auf, in der Menschen sich gegenseitig nur noch als wandelnde Playlisten wahrnehmen oder definieren. Durchaus Charme hat dann auch noch ein Lied, in dem Holofernes hart mit weiteren großen „Johnnies“ der amerikanischen Literatur abrechnet: dem Irving, dem Safran und dem Franzen. Auf den letzteren reimt sie: „Meine Langmut hat Grenzen.“

          Manchmal ist es in den vielen Mußestunden, in denen die Sängerin - ganz ohne Druck - wie sie sagt, mit diversen Gastmusikern so herumwerkelte, wohl etwas mit ihr durchgegangen: Dann reimt sich „piep“ auf „lieb“, und es wird allzu infantil. Bei dem Musikvideo zum Titelstück, in dem die Sängerin in Flausch-Ritterrüstung durch Berlin reitet, könnte man an etwas denken, das sie mal gesagt hat: dass manche Leute auf das Protestieren verzichten, nur weil sie glauben, dass es naiv wirken könnte. Davor muss man bei ihr keine Angst haben.

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