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Album der Woche: Beyoncé : Urwaldzirpen für die staunende Basis

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Blow“ Bild: Sony Music

Das als Überraschung vermarktete Album von Beyoncé bricht nicht nur Verkaufsrekorde. Die Diva ersetzt ihre herkömmlichen Liebes-Balladen auch durch eine schöne, experimentellere Definition von R & B.

          3 Min.

          Das Vergnügen an der Musik von Beyoncé steht und fällt mit der Sympathie für ihre Stimme. Ihr Timbre ist dunkelbeerig, grobsamtig und reich an Tanninen. Man muss außerdem die für R&B typischen Ausdrucksformen goutieren können. Jene Girlanden aus auf- und absteigenden Uuuhuhuus, Ooohoohos und Ahuuuaas, mit denen die Stimme Ornamente wimmert, haucht oder presst. Im gelungenen Fall erzeugt die artifizielle Simulation von emotionaler Emphase paradoxerweise echte Ergriffenheit, im misslungenen Fall nervt sie wie plärrende Nachbarskinder.

          Unter den weiblichen Superstars der amerikanischen Popmusik gilt Beyoncé, die in den späten Neunzigern mit der Girlgroup Destiny’s Child bekannt wurde, als eher altmodisch. Große Reformen waren vom fünften, selbstbetitelten Soloalbum der Gesangsdiva eigentlich nicht zu erhoffen. Aber der multiple Einsatz von künstlerischen Partnern - neben den obligatorischen Timbalands und Timberlakes auch unerwarteten wie die New Yorker Electrofolker Chairlift - lässt sich doch sehr positiv hören. „Pretty Hurts“ zum Auftakt ist eine mit Kanongesang und schwerer Elektronik emporgewuchtete, eindringliche Klage gegen den Kultus körperlicher Perfektionierung.

          Das Leuchten der Dunkelheit

          Das zweite Stück, „Haunted“, erstaunt durch prekäre Schönheit. Die ersten drei von sechs Minuten graben sich durch Meditationsmusik, Urwaldzirpen, Echos und düstere Raps über Nine-to-Five-Leben, bevor Breakbeats und ein majestätisches Synthesizer-Riff das girlandenfrei melancholisch gesungene Stück im Triumphzug nach Hause tragen. Lässt sich im Hipsterclub prima vermitteln, aber was sagt Beyoncés Hörerbasis in den Shoppingmalls dazu?

          Ziemlich experimentell geht es auch weiter. „Drunk in Love“, „No Angel“ und „Partition“ sind kleine vokale Schwelgereien zu karg wummernden Hiphop-Rhythmen. Überhaupt dient ein guter Teil des Albums der Suche nach den tiefsten, weichsten, gedehntesten Basstönen. Sogar der gelegentliche Nölrap von Beyoncés Ehemann Jay Z missfällt in diesem Kontext nicht allzu sehr. „Blow“ setzt mit einem Akkord von Jazzstimme und Klavier ein, der unheilschwanger an Cappuccino-Werbung denken lässt. Im Text ist auch viel von „Taste“ und „Flavor“ die Rede.

          Eine fidele Disco-Rhythmik mit hochgestimmter Snare und zarter Gitarre, dazu ein frohsanft „Yeeeeaaah“ intonierender Frauenchor versöhnen jedoch mit diesem Song. Mit „Jealous“ und „Rocket“ ist die seichte bis unerträgliche Konfektion der Liebesballaden allerdings wirklich erreicht. Wer sich nicht zumindest an der einen oder anderen Klangfarbe oder an anzüglichen Versen (unverkrampfte Sexualität ist das Kernthema des Albums) erfreuen kann, dem hilft jetzt nur die Skip-Taste. „Mine“, ein elegisches Duett mit dem Rapper Drake, erzeugt eine herzpochende Atmosphäre neonfunkelnder Nacht wie einst „In the Air Tonight“ von Phil Collins.

          Der Bonus-Bonus

          Es darf sehr gern in der Playlist bleiben. Problematisch ist dann wieder „XO“. Ein Rhythmusgeräusch, das sehr an telefonischen Vibrationsalarm erinnert, verursacht Kopfweh. Ein Massenchor beschwört die Phantasie von kitschig sich an den Händen haltenden Jugendlichen auf Beyoncés Konzertbühne herauf. Skip. „Flawless“ verkündet ein feministisches Manifest zu bedrohlich fiependem Westcoast-Hiphop. Trotz der gutgemeinten Botschaft: Skip.

          „Superpower“, ein zärtliches Duett mit Frank Ocean, macht sich dagegen mit seinen Doo-Wop- und Uuuhuhuhu-Gesängen richtig zauberhaft. „Heaven“ ist eine konventionell schlichte Pianoballade über eine verstorbene Freundin, der sich aber nur hartherzige Menschen verschließen können. „Blue“ spielt zum Abschluss erneut Herzschmerz-Klavier und fährt sogar das Kleinkind-Lallen von Beyoncés Tochter Ivy auf. Ein trockener Drumbeat tupft das schmierig-sentimentale Stück glücklicherweise ästhetisch ins Gleichgewicht.

          Was an Beyoncés streckenweise erstaunlich schöner Liedersammlung angenehm auffällt, ist die konsequente Gestaltung als Gesamtkunstwerk unter Verzicht auf klassische Hitsingles. Aufsehen hat das Album erregt, weil es ohne vorherige PR-Kampagne zunächst exklusiv auf einem Internetportal veröffentlicht worden ist. Der Überraschungseffekt dieser neuen Form des Marketings war erfolgreich: Innerhalb von drei Tagen erfolgten mehr als 800 000 Downloads. Das Verkaufspaket umfasste neben vierzehn Liedern auch achtzehn Musikvideos. Damit bricht die Platte auch im Bemühen, schwindende Kauflust mit Bonusmaterial anzuheizen, Rekorde.

          Auf der Kirmes, nachts um halb eins

          Falls zwei Stichproben repräsentativ sind, ist das visuelle Beiwerk allerdings sehr verzichtbar. Zu sehen sind eine sepiagetönte Räkelei am Strand und eine zuckerwattebunte Reminiszenz an Teenagerliebe auf der Kirmes, die zwar vom Skandalfotografen Terry Richardson in Szene gesetzt wurde, aber ebenso von einem namenlosen Werbefilmer stammen könnte. Bildsprachlich sind beide clips jedenfalls wesentlich betulicher als die Musik.

          Zu „Drunk in Love“ tanzt Beyonce als brandungsumschäumte Venus um Jay Z herum. Schön immerhin, dass es im fünften Ehejahr noch so erotisch zugeht. „XO“ spielt im Vergnügungspark auf Coney Island. Die Sängerin fährt dabei an einen Jugendlichen gekuschelt im Autoscooter. Sie sieht ein bisschen alt aus, so als Kirmes-Queen in Jeans und mit billigem Schmuck.

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