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Afghanisches Filmarchiv : Bilder vom Frieden früherer Tage

  • -Aktualisiert am

Blick aus dem Archiv: Eine Studentin spricht an der Universität von Kabul, es sind die sechziger Jahre. Sie trägt die Haare offen, Männer hören ihr zu. Bild: Rasche

30.000 Filmminuten aus afghanischen Wochenschauen warten in verrottenden Filmdosen auf ihre Digitalisierung: Erinnerungen an ein Land ohne Krieg und ohne Taliban.

          Ibrahim Arify ist der Hüter eines Schatzes. Seine Pretiosen sind aus Zelluloid: Wochenschau-Aufnahmen seit 1919, Dokumentationen und Spielfilme aus mehreren Jahrzehnten afghanischer Geschichte. Sie befinden sich in rostigen Metalldosen, aufeinandergestapelt in Kellern, Containern und einem ehemaligen Flugzeughangar. Der Hangar aus grauem Wellblech steht auf einem verwilderten ehemaligen Flugplatz mitten in Kabuls Diplomatenviertel, nahe der deutschen Botschaft und dem Isaf-Hauptquartier. Hier hat Afghan Film seinen Sitz, das staatliche afghanische Filminstitut, dessen Direktor Arify seit eineinhalb Jahren ist.

          Die 30.000 Filmminuten, die dort lagern, sind in schlechtem Zustand: Das Material ist teils feucht und verstaubt, teils beschädigt und nur zum Teil katalogisiert und beschriftet. Dabei ist es von großer Bedeutung für das von drei Jahrzehnten Krieg gebeutelte Land. Es bewahrt die ganze Geschichte Afghanistans im 20. Jahrhundert: die Zeit der Königsherrschaft, in der Afghanistan enge Kontakte zu Deutschland pflegte, und die der konstitutionellen Monarchie zwischen 1963 und 1973, die im Nachhinein als goldene Ära erscheint; den Putsch der kommunistischen „Demokratischen Volkspartei Afghanistans“ im April 1978, den Einmarsch der Russen 1979; den Krieg der Mudschahedin gegen die Sowjets sowie deren Abzug 1989. Darauf folgte die Vorstufe zu den dunklen Jahren unter den Taliban, der Vorhof zur Hölle: die Herrschaft der Mudschahedin von 1992 bis 1996, die in einen Bürgerkrieg mündete, in dem Kabul in Schutt und Asche gebombt wurde und das Land in unzählige Herrschaftsgebiete kleiner und größerer Warlords zerfiel.

          Die Filme bewahren aber auch die Erinnerung an ein anderes Afghanistan: eines ohne Einschusslöcher in den Fassaden, ohne meterhohe Betonmauern mit Stacheldraht-Aufsatz vor jedem öffentlichen Gebäude, ohne Unterstände aus Sandsäcken an den Straßenkreuzungen, eines ohne Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge in der Stadt.

          Sehnsucht nach früheren Zeiten

          Ein Film aus den sechziger Jahren etwa, den Arify in einem der Vorführräume des Institutsgebäudes auf einem historischen Projektor laufen lässt, zeigt junge Leute in westlicher Kleidung, die in dem hellen Hörsaal eines modernen Universitätsgebäudes lernen. Die jungen Frauen tragen offene Haare, taillierte Blusen mit großen Mustern und enge Miniröcke. Eine der Frauen rezitiert auf der Bühne ein Gedicht, die Männer lauschen. Heute sind Frauen ohne Kopftuch im Stadtbild undenkbar, Studentinnen mischen sich nur ungern unter ihre männlichen Kommilitonen.

          „Das heutige Afghanistan ist nicht mehr das Land, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt Ibrahim Arify, der 1960 in Kabul zur Welt kam. Er klingt melancholisch dabei, traurig über das Ausmaß an Zerstörung - nicht nur an Bauwerken, sondern auch in der Kultur, im Zusammenleben der Religionen: „Früher haben in Kabul Christen, Juden, Hindus und Buddhisten gelebt. Wir haben Hochzeiten gemeinsam gefeiert, sind an Weihnachten in Konzerte gegangen, genauso wie wir die persischen Feste gefeiert haben. Wir waren frei, es gab Freude in der Stadt. Mit Islamisten hatten wir nichts zu tun“, sagt er. „Die Zivilisation, die wir hier vor den Mudschahedin und den Taliban einmal hatten, wollen wir zurück“, sagt er. „Früher gab es hier herrliche Gebäude, grüne Gärten, moderne Schulen, schön gekleidete Menschen - davon sieht man heute nichts mehr.“

          Die bewegten Bilder aus der Vergangenheit sind höchst wertvolle Dokumente, um das kulturelle Gedächtnis des Landes zu bewahren: „Mit ihrer Hilfe wollen wir zeigen, wie Afghanistan sein könnte, wenn es die Herrschaft der Fundamentalisten nicht gegeben hätte.“

          Ibrahim Arify ist Direktor des Filminstituts, das die alten Rollen hütet. „Zeigen, wie Afghanistan sein könnte“, will er mit dem Material.

          Das Interesse an den Filmen ist groß. Gerade angesichts des in Afghanistan weitverbreiteten Analphabetismus - achtzig Prozent der Frauen und fünfzig Prozent der Männer können nicht lesen und schreiben -, sind die Filme eine hervorragende Möglichkeit, über die Geschichte des Landes zu informieren. Als Afghan Film im vergangenen Juli sein erstes Festival im Park Bagh-e Babur organisierte, kamen mehrere tausend Besucher. „We are who we are not“ nannte Arify das Filmfestival, und deutet damit auf die oftmals gebrochenen Identitäten afghanischer Künstler und Intellektueller, aber auch weiter Teile der Bevölkerung: „Wir sind die, die wir nicht sind.“

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