https://www.faz.net/-gqz-wzcz

Zum 100. Jahrestag : Die Muttertagsmaschinerie

Geschäftliche Auswüchse

Die Blumenhändler waren es ja tatsächlich auch, die es als Erste verstanden haben, auf den Muttertagszug aufzuspringen. Schon in den zwanziger Jahren gaben sie hierzulande den Slogan aus, der seither wie eine Fanfare zum Tag ertönt: „Lasst Blumen sprechen!“ Aber sie haben keineswegs den Tag an sich erfunden, und auch die Nationalsozialisten waren es nicht, wie so oft behauptet wird - die haben ihn vielmehr für ihre Zwecke pervertiert. Der Muttertag ist, was heute kaum einer mehr weiß, ursprünglich die Erfindung einer Feministin aus West Virginia: Anna Jarvis hat vor genau hundert Jahren in ihrem Heimatort Grafton den ersten Muttertag veranstaltet, woran dort ein Denkmal erinnert. Ihre Idee fußte auf den politischen Zielen der damaligen Frauenbewegung, die allerdings rasch vergessen wurden. Andere verstanden es dann geschickter als die Suffragette Jarvis, die so simple wie durchschlagende Idee auf ihre eigenen Anliegen umzumünzen - ob wirtschaftlich oder völkisch-national.

Die geschäftlichen Auswüchse um den Muttertag, an dem heute die Amerikaner so teure Geschenke machen wie sonst nur an Weihnachten, hat seine Erfinderin, die 1864 in eine der angesehensten Familien Virginias hineingeboren wurde, noch zu Lebzeiten bekämpft. Schließlich wollte Anna Jarvis den Tag, der sie einst berühmt machen sollte, sogar wieder abschaffen; vergebens, wie man weiß.

Begonnen hat alles mit dem Einsatz der unverheirateten und kinderlosen Lehrerin, die im Hause ihrer Eltern lebt, für die Rechte der Frauen, die ihrer Ansicht nach unterdrückt werden, etwa, weil sie nicht wählen dürfen. Unterstützt wird Anna Jarvis von ihrer Mutter Ann, die ebenfalls politisch aktiv ist und im Jahr 1858 die Vereinigung „Mother's Work Days“ gründet, um gegen hohe Kindersterblichkeit und für bessere sanitäre Anlagen zu kämpfen. Während des amerikanischen Bürgerkriegs mobilisiert sie Geschlechtsgenossinnen und kümmert sich mit ihnen um die Verwundeten auf beiden Seiten sowie um die Annäherung der verfeindeten Lager.

Der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte

Als Ann Jarvis am 9. Mai 1905 stirbt, kommt ihrer Tochter Anna der folgenreiche Gedanke, einmal im Jahr nicht nur an das Werk der eigenen, sondern aller Mütter zu erinnern. Was ihr vorschwebt, ist nicht die Würdigung eines Mutterbilds von edler Einfalt, stiller Größe und nimmermüder Opferbereitschaft. Der Tochter eines Methodistenpfarrers ist es um die soziale und politische Rolle von Frauen in der Gesellschaft zu tun. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts bietet sich dafür die Mutter als gesellschaftlich legitime Identifikationsfigur an.

Anna Jarvis bittet den Pfarrer ihrer Gemeinde, am Todestag ihrer Mutter über die Bedeutung von Müttern in der Gesellschaft zu predigen. Das ist der Beginn der beispiellosen Erfolgsgeschichte jener Botschaft, die Anna Jarvis so formuliert: „Schafft den Ehrentag der Mutter - setzt diesen Frauen ein unvergängliches Denkmal.“ Drei Jahre später, in denen Jarvis unermüdlich in Briefen an Kirchenmänner und Politiker sowie in Zeitungsartikeln für ihre Idee wirbt, findet der erste offizielle Muttertag in der St. Andrew's Methodist Episcopal Church statt: am zweiten Maisonntag des Jahres 1908, dem dritten Todestag von Ann Jarvis. Nach der Predigt von Harry C. Howard verteilt Anna Jarvis fünfhundert Nelken, die Lieblingsblumen ihrer Mutter: Mit roten Nelken will sie lebende Mütter ehren, mit weißen soll der verstorbenen Mütter gedacht werden. Die Nelke ist dem Muttertag geblieben: Auch am morgigen Sonntag wird sie in dem Städtchen Grafton, dem Geburtsort des Muttertags, während der großen Zeremonie in der klassizistischen Kirche aus rotem Backstein wieder verteilt werden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.