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Wein- und Champagnerprobe : Flaschen Nummer 328 und 275

Für Champagnerhersteller ist die Marktlage prickelnd Bild: AFP

Die seltensten Spitzenweine sind gar nicht die teuersten: Beim Preis zählt vor allem der Name. Eindrücke zum Verhältnis von Masse und Markt bei einer vielseitigen Weinprobe - warum Champagner plötzlich in aller Munde ist.

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          Darf man noch träumen, wenn man gerade einen fünfundfünfzig Jahre alten Süßwein, eine Trockenbeerenauslese, die auf den schönen Namen Kreuznacher Narrenkappe hört, getrunken und ihn frisch vorgefunden hat wie am ersten Tag? Oder zuvor zwei Flaschen von dem in den achtziger Jahren durch den Glykolskandal schwer in Verruf geratenen Gut Pieroth probiert hat, die aus den Jahren 1923 und 1928 stammen (Bechtheimer Hasensprung und Gau-Odernheimer Petersberg), und auch diese zu Zeiten der Weimarer Republik gekelterten Weine in höchst ansprechender Form erlebte, obwohl der ältere nur eine normale Auslese war?

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ja, man darf noch träumen, denn sowohl der von den Preußischen Staatsweingütern erzeugte Erbacher Markobrunn Cabinett von 1933 als auch die Trockenbeerenauslese der gleichen Lage von 1938 wirken wenig charaktervoll - und das bei der berühmtesten Lage des Rheingaus. Andererseits: Was soll man aus diesen deutschen Jahren auch erwarten?

          Ein Jüngling von 1998

          Nach den ersten Flaschen, die bei einer Probe alter Weißweine, zu der sich im Untertürkheimer Weingut Wöhrwag ein Liebhaberkreis versammelt hat, kommt eine Pause, die mit einem Jüngling bestritten wird, einem Champagner von Jacques Selosse von 1998. Selosse ist ein kleines Gut, das aber in den letzten Jahren immer wieder zu den besten gezählt wird, auch wenn die gerade erst aus Finnland nach Deutschland importierte Hochglanzzeitschrift „Fine - Das Weinmagazin“ bei der Auflistung von Weinen als lohnenden Kapitalanlagen in der Kategorie Champagner das übliche Quartett aus Krug, Roederer, Bollinger und Salon nennt - wobei deren beste Abfüllungen immerhin noch ergänzt werden um den Clos des Goisses von Philipponnat.

          Qualitativ gehört der Selosse auch in diese Riege, obwohl er einfacher wirkt als der Krug von 1988, der ihn als Pausenfüller begleitet. Aber für einen Blanc de Blancs, also einen Champagner, der nur aus hellen Trauben gewonnen wird, kann er im Vergleich die notwendig fehlende Komplexität durch einen herrlich weinigen Geschmack egalisieren. Kapitalanlage? Humbug, selbst wenn Selosse noch populärer würde. Ungetrunkene große Weine sind ein Skandal, auch wenn der kleine Kreis bei Wöhrwag davon profitiert, dass frühere Generationen einige Flaschen aufgespart haben.

          Individuelle Leidenschaften und Funde

          Einer der nicht unerheblichen Reize des Untertürkheimer Treffens ist es, dass zur Abwechslung immer wieder individuelle Leidenschaften und Funde zum Zuge kommen. So ist für eine raffinierte Champagnerauswahl ebenso gesorgt wie für einen exquisiten kleinen Block aus roten Burgundern. Beides ist ungleich schwerer zusammenzustellen als etwa eine gelungene Bordeaux-Weinprobe, weil die Spitzenflaschen meist nur in winzigen Mengen oder in Deutschland so gut wie gar nicht verfügbar sind. Längst haben wohlhabende Chinesen und Russen ihre Leidenschaft für die berühmtesten französischen Namen entdeckt, und so hat das Champagnerhaus Krug jetzt eine neue Marke lanciert, die alle Maßstäbe dessen sprengt, was junger Wein kostet.

          Dieser Clos d'Ambonnay ist Krugs erster Blanc de Noirs (ein Champagner, der nur aus dunklen Trauben gekeltert wird), geerntet in einem einzigen Weinberg, der an Krug lediglich so viel Lesegut liefern kann, dass es für dreitausend Flaschen reicht. Diese lagern auf unbestimmte Dauer in den Kellern, denn wie beim spanischen Rotwein Vega Sicilia Unico entscheidet der Hersteller, wann er die Weine für verkaufswürdig hält. Als erster Clos d'Ambonnay ist nun der Jahrgang 1995 freigegeben worden: für 2500 Euro - pro Flasche, versteht sich, und wohlgemerkt als Händlerpreis.

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