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Verheizte Musikstars : Auch Gottesgaben sind versenkbar

  • -Aktualisiert am

Superstars im Dauerstress: Anna Netrebko und Rolando Villazon Bild: ddp

Dem Rausch des Ruhms und des Geldes können wenige widerstehen: Dabei presst die Musikindustrie ihre Wunderkinder aus, lässt sie so schnell fallen, wie sie sie aufgebaut hat. Auf der Strecke bleibt die Musik als große Zeitkunst.

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          Hurra, Netrebko singt wieder. Am Samstag abend in der Köln Arena hat sie es getan. „Topfit“ sei die Anna, teilte Konzertveranstalter Deag Classic zuvor mit. Und ihr Agent Van Almsick versicherte, dass sich die schöne Sopranistin nach allem, was war, jetzt um so mehr freue auf ihren gemeinsamen Auftritt mit dem „Weltklassetenor“ Marcelo Alvarez.

          Soweit die gute Nachricht. Es ist zugleich eine schlechte. Denn erstens sangen die beiden wieder einmal open air, mithin komplett durchmikrophoniert, was den Stimmen schadet und auch die Musik - kleine Häppchen aus großen Opern - nicht unbeschädigt lässt, vor allem aber die Hörfähigkeit ihres Publikums unterfordert und dessen Hörgewohnheiten weiter ruiniert. Zweitens gehört Alvarez nicht zur Weltklasse, er ist Einspringer, zweite Wahl. „Weltklassetenor“ Rolando Villazón, der noch bis vor wenigen Monaten Hand in Hand mit Anna Netrebko als das erfolgreichste „Traumliebespaar der Operwelt“ von Auftritt zu Auftritt spurtete, sucht zur Zeit verzweifelt seine Stimme.

          Verlust für Firmen und Agenturen

          Sie ging verloren zwischen der ersten und der zweiten Vorstellung von Jules Massenets Oper „Manon“ an der Staatsoper in Berlin im Mai dieses Jahres. Seither sind alle Termine Villazóns abgesagt worden, prophylaktisch bis in den Dezember hinein - was bei der Höhe der Gagen insbesondere seiner Preisliga sowie dem langen Terminvorlauf der Klassikbranche im allgemeinen einen noch nicht absehbaren finanziellen Verlust bedeuten wird, weniger für den Sänger selbst, vielmehr für alle Firmen und Agenturen, die an ihm gut verdient haben.

          Zweite Wahl, keine Weltklasse: Marcelo Alvarez

          „Ich bin nicht mehr nur ein Sänger, ich bin ein Produkt“, hatte Rolando Villazón kurz vor seinem Absturz noch der Zeitschrift „Operglas“ anvertraut. Er war sich offenbar selbst im klaren darüber, was mit ihm gerade geschah: Hier ist, und zwar nicht zum ersten Mal, ein hervorragender Musiker skrupellos verheizt worden durch das aggressive Marketing einer von Untergangsvisionen gehetzten, von der Jagd auf die Quote hysterisierten und zu allem Übel auch noch von den visuellen Medien täglich neu gedopten Klassikindustrie. Die Serie der Sängerabsagen in letzter Zeit spricht eine deutliche Sprache: Kozena, Garanca, Netrebko, Shicoff, Kasarova - die derzeit Meistherumgereichten sind dabei. Villazóns Fall scheint besonders ernst. Längst wissen alle vom Fach Bescheid, heucheln Bedauern und rätseln hinter vorgehaltener Hand, ob die Blockade stimmtechnischer Natur sei (beschädigt durch Überanstrengung und übermäßiges Forcieren) oder eher psychisch bedingt, oder, was am wahrscheinlichsten ist, beides.

          Verzweifelte Ausbruchsversuche

          Das Musikinstrument eines Sängers ist der eigene Körper. Bei keinem anderen Musiker liegen Seele und Tonleiter, Gefühl und Technik so dicht beieinander. Einige verzweifelte Versuche Villazóns, diesen Teufelskreis zu durchbrechen mit Auftritten abseits der Medienöffentlichkeit, sollen, heißt es, kläglich gescheitert sein, zuletzt in Trondheim. Wir können also nur abwarten und hoffen, dass sich dieses Ausnahmetalent mit der schimmernden Höhe, dem enorm weiten Ambitus, der feurigen Attacke und der intelligenten Ausdruckstiefe eines Tages wieder fangen wird. Unterdessen ist Zeit gekommen, anzuklopfen bei den Verantwortlichen.

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