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Ullens Center in Peking : Die Kunst besetzt Maos Munitionsfabrik

Anders erreicht den Westen Zhang Xiaogang: Er ist zum Superstar der aktuellen Chinesen-Szene avanciert; seine mysteriösen Familienporträts der „Bloodline“-Serie kommen unserem Geschmack gefährlich nah. Tatsächlich erinnert er damit an die zahllosen von den Chinesen geliebten und in der Kulturrevolution 1966 bis 1976 unter Mao vernichteten Familienfotos. Was von Zhang in der Ausstellung zu sehen ist, hat anscheinend nicht das Geringste mit seinen heutigen Arbeiten zu tun, außer vielleicht einer prinzipiellen „Innerlichkeit“, auf die er selbst für sein Schaffen im Katalog pocht. Damals komponierte er noch aus den Bildprogrammen westlicher Kunst, griff das Werk einer Kahlo, eines Rivera und der mexikanischen Revolutionsartisten auf bis zu den deutschen Neoexpressionisten, symbolisch aufgeladene Szenarien, die uns heute eher verquast anmuten mögen.

Keine schmeichelnden Namen

Über solche Spannungsfelder wirkt der Parcours im „Ullens Center for Contemporary Art“, kurz UCCA. Das schwere Gebäude mit seinen dramatisch sichelförmigen Oberlichtern und dem hochragenden Schornstein als Wahrzeichen liegt im Innersten des „Dashanzi Art District 798“. Es stellt das Filetstück dieses Kunstquartiers im Nordosten von Peking dar, das noch bis in die neunziger Jahre ein militärisch-industrieller Komplex war, der mit der Nummer 798 eben; solche Orte haben keine schmeichelnden Namen. Ursprünglich diente der Bau als Munitionsfabrik, die in den fünfziger Jahren von Architekten aus der DDR im kühlen Stil des Bauhaus errichtet worden war.

Nachdem das Areal ausgedient hatte als Ort der Waffenproduktion, siedelten sich Künstler dort an. Ihnen folgten Galerien auf das weitläufige Gelände mit seinen Unterschlupfmöglichkeiten in vormaligen Produktionsstätten, Lagerhallen und Büros. Der „District 798“ wurde schnell chic in der Kunstszene. Statt, nach in Peking erprobter Manier, dieses Biotop auf sündhaft teurem Grund in der riesigen wuchernden Stadt mit ihren geschätzten 15,5 Millionen Einwohnern zu räumen und für neue Bürotürme freizumachen, entschloss sich die Regierung im Jahr 2006, das Areal zum Industriedenkmal zu deklarieren. Weniger Liebe zur erblühenden Kultur steht dahinter als kühle Kalkulation mit dem Gewinn, der sich daraus ökonomisch und vor allem an Image schlagen lässt.

Verlegen wirkende Uniformierte

Heute haben sich dort mehr als dreihundert Ateliers, Galerien, Buchläden und Restaurants angesiedelt; die internationale Kunstschickeria hat den Peking-Besuch längt auf der Liste der must-haves. Insgesamt ist diese auf das Quartier konzentrierte Szene außerdem für die Regierung gewiss recht gut im Griff zu halten. Allenthalben drücken sich gelegentlich ein wenig verlegen wirkende Uniformierte herum, die allerdings keine Polizeikräfte sind. Hin und wieder kommt es zur Entfernung des einen oder anderen Kunstwerks in den Galerien, vor allem wenn eine Verunglimpfung des großen Mao allzu weit getrieben ist; subtilere Formen von Insubordination entgehen dem staatlichen Blick jedoch durchaus.

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