https://www.faz.net/-gqz-wh27

Tenor Rolando Villazón : Ausgepresst wie eine Zitrone

  • -Aktualisiert am

Dieser Mexikaner kann mehr als die Latin-Lover-Pose Bild: picture-alliance/dpa

Der Opernbetrieb beutet seine Talente nicht weniger brutal aus als Fußballvereine ihre Stars. Der erst 36 Jahre alte Tenor Rolando Villazón musste sich im vorigen Mai wegen einer Stimmkrise von der Bühne zurückziehen. Jetzt ist er wieder da.

          Ein lachender, strahlender Mann im schwarzen Anzug, die Arme weit ausgebreitet, vor Himmel und Meer. Auf einigen der folgenden Seiten watet er, immer noch im Anzug, durchs Wasser; blickt versonnen auf die Spuren seiner Füße im Sand; schaut verträumt in die anbrandenden Wellen; steht in der aufspritzenden Gischt; ist er sitzend, gehend, stehend in mancherlei Posen zu sehen, bevor er als Schattenfigur in die untergehende Sonne wandert. „Cielo e mar“ lautet der Titel des gut vierzig Seiten starken Hochglanz-Buchs, mit dem die neue CD des mexikanischen Tenors Rolando Villazón angekündigt wird. Es ist der Titel von Enzos Arie aus Amilcare Ponchiellis „La Gioconda“.

          Glutvoll blickend, Händchen küssend und mit tränenfeuchten Augen ist er in einem zweiten Büchlein zu sehen: bei der zarten Gefühlsannäherung an Anna Netrebko, scheu wie ein Reh, verträumt, mit seligem Lächeln. Auf Transparentpapier ist in kalligraphierter Handschrift zu lesen, dass „zwei Herzen und zwei Stimmen, zwei Timbres und zwei Temperamente gemeinsam zu atmen scheinen . . .“ Es ist die Ankündigung einer neuen Aufnahme, mit der Giacomo Puccinis „La Bohème“ für die Zuhörer „des 21. Jahrhunderts zum Leben erweckt“ werden soll. Die Lovestory zwischen dem Poeten Rodolfo und der Midinette Mimì wird in naher Zukunft auch in einem 4,5 Millionen teuren Fernsehfilm zu erleben sein, mit dem – die alte Lüge – „der Oper neue Kreise erschlossen werden sollen“.

          Dunkelhaarig, schlank, charmant

          Medialer Großeinsatz für das Comeback eines Sängers, der sich im Mai 2007 wegen einer akuten Stimmkrise zurückziehen musste. Solche Krisen gehören in einem Opernbetrieb, der mit seinen Talenten nicht weniger ausbeuterisch vorgeht als Fußballvereine mit ihren Stars, zum Alltag. Talente kommen, werden „ausgepresst wie eine Zitrone“ und weggeworfen. Fünfjahreskarrieren sind seit langem keine Seltenheit mehr. Der Burnout des mexikanischen Tenors, der mehr als ein halbes Jahr lang pausieren musste, aber war nicht nur eine individuelle Krise, viel mehr ein Menetekel und der Offenbarungseid eines Marketing, das, so der britische Kritiker Norman Lebrecht, seit Jahren den „corporate muder of classical music“ vollstreckt und dabei gerade die sogenannten goldenen Stimmen als Klondike betrachtet und so schonungslos wie zynisch missbraucht.

          Begabt, schönstimmig und hochmusikalisch

          Es ist bald zwanzig Jahre her, dass die „Drei Tenöre“ am Nachthimmel über Rom „O sole mio“ aufgehen ließen; dass aus einem höheren Jux der Kunst der größte Blockbuster in der Geschichte der Vermarktung der klassischen Musik wurde, die beim zweiten Konzert jedem Mitglied der tenoralen Trinität eine Gage von zwei Millionen Dollar eintrug; dass endlich, „as time goes by“, die Frage nach dem Erben auftauchte. Mit Andrea Bocelli wurde ein Wahlverwandter von Heino erfunden, der erfolgreich auf den Mehrwert von Arien, nämlich ihre Schlagerqualität setzte. Als schwieriger erwies sich das Problem mit der Erbfolge für die drei Tenöre – oder eigentlich nur für zwei, da sich José Carreras ohnehin im Palast des ästhetischen Souterrains eingenistet hatte.

          Als Weltbeglücker unterwegs

          Weitere Themen

          Neue Helden Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Spiderman - A New Universe“ : Neue Helden

          Schon wieder Spiderman? - Ja, aber anders. Es geht um die großen Themen, wie immer. Aber die Erzählweise hat sich geändert. Wie das geht und ob sich das auszahlt, hat Elena Witzeck analysiert.

          Wo liegt Straßburg nochmal?

          Anschlag auf Weihnachtsmarkt : Wo liegt Straßburg nochmal?

          Die Nachricht vom Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg hat die großen deutschen Fernsehsender nicht aus den Konzept gebracht. Die Frage ist nur, was für ein Konzept das ist.

          Topmeldungen

          Sie geht, aber erst später. Theresa May hat ihren Rückzug bis 2022 angekündigt.

          Liveblog zum Misstrauensvotum : Theresa May übersteht Abstimmung

          Misstrauensvotum gegen Premierministerin abgewendet +++ May will vor der nächsten Parlamentswahl abtreten +++ Buchmacher rechnen damit, dass May im Amt bleibt +++ Verfolgen Sie die Brexit-Entwicklungen im FAZ.NET-Liveblog.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel beantwortet im Rahmen der Befragung der Bundesregierung die Fragen der Abgeordneten. Dabei gibt sie sich angrifflustiger denn je.

          Regierungsbefragung : Merkel an der Ballwurfmaschine

          Gut eine Stunde lang lässt sich die Kanzlerin im Bundestag befragen und liefert sich mit Linken und Rechten einen rhetorischen Schlagabtausch – so offensiv hat man Merkel selten erlebt. Neue Inhalte wurden dabei gleich mitgeliefert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.