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Tenor Rolando Villazón : Ausgepresst wie eine Zitrone

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Dieser Mexikaner kann mehr als die Latin-Lover-Pose
          7 Min.

          Ein lachender, strahlender Mann im schwarzen Anzug, die Arme weit ausgebreitet, vor Himmel und Meer. Auf einigen der folgenden Seiten watet er, immer noch im Anzug, durchs Wasser; blickt versonnen auf die Spuren seiner Füße im Sand; schaut verträumt in die anbrandenden Wellen; steht in der aufspritzenden Gischt; ist er sitzend, gehend, stehend in mancherlei Posen zu sehen, bevor er als Schattenfigur in die untergehende Sonne wandert. „Cielo e mar“ lautet der Titel des gut vierzig Seiten starken Hochglanz-Buchs, mit dem die neue CD des mexikanischen Tenors Rolando Villazón angekündigt wird. Es ist der Titel von Enzos Arie aus Amilcare Ponchiellis „La Gioconda“.

          Glutvoll blickend, Händchen küssend und mit tränenfeuchten Augen ist er in einem zweiten Büchlein zu sehen: bei der zarten Gefühlsannäherung an Anna Netrebko, scheu wie ein Reh, verträumt, mit seligem Lächeln. Auf Transparentpapier ist in kalligraphierter Handschrift zu lesen, dass „zwei Herzen und zwei Stimmen, zwei Timbres und zwei Temperamente gemeinsam zu atmen scheinen . . .“ Es ist die Ankündigung einer neuen Aufnahme, mit der Giacomo Puccinis „La Bohème“ für die Zuhörer „des 21. Jahrhunderts zum Leben erweckt“ werden soll. Die Lovestory zwischen dem Poeten Rodolfo und der Midinette Mimì wird in naher Zukunft auch in einem 4,5 Millionen teuren Fernsehfilm zu erleben sein, mit dem – die alte Lüge – „der Oper neue Kreise erschlossen werden sollen“.

          Dunkelhaarig, schlank, charmant

          Medialer Großeinsatz für das Comeback eines Sängers, der sich im Mai 2007 wegen einer akuten Stimmkrise zurückziehen musste. Solche Krisen gehören in einem Opernbetrieb, der mit seinen Talenten nicht weniger ausbeuterisch vorgeht als Fußballvereine mit ihren Stars, zum Alltag. Talente kommen, werden „ausgepresst wie eine Zitrone“ und weggeworfen. Fünfjahreskarrieren sind seit langem keine Seltenheit mehr. Der Burnout des mexikanischen Tenors, der mehr als ein halbes Jahr lang pausieren musste, aber war nicht nur eine individuelle Krise, viel mehr ein Menetekel und der Offenbarungseid eines Marketing, das, so der britische Kritiker Norman Lebrecht, seit Jahren den „corporate muder of classical music“ vollstreckt und dabei gerade die sogenannten goldenen Stimmen als Klondike betrachtet und so schonungslos wie zynisch missbraucht.

          Begabt, schönstimmig und hochmusikalisch
          Begabt, schönstimmig und hochmusikalisch : Bild: picture-alliance/ dpa

          Es ist bald zwanzig Jahre her, dass die „Drei Tenöre“ am Nachthimmel über Rom „O sole mio“ aufgehen ließen; dass aus einem höheren Jux der Kunst der größte Blockbuster in der Geschichte der Vermarktung der klassischen Musik wurde, die beim zweiten Konzert jedem Mitglied der tenoralen Trinität eine Gage von zwei Millionen Dollar eintrug; dass endlich, „as time goes by“, die Frage nach dem Erben auftauchte. Mit Andrea Bocelli wurde ein Wahlverwandter von Heino erfunden, der erfolgreich auf den Mehrwert von Arien, nämlich ihre Schlagerqualität setzte. Als schwieriger erwies sich das Problem mit der Erbfolge für die drei Tenöre – oder eigentlich nur für zwei, da sich José Carreras ohnehin im Palast des ästhetischen Souterrains eingenistet hatte.

          Als Weltbeglücker unterwegs

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