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skulptur projekte münster : Wie die Skulptur die Stadt neu erfindet

„Trickle Down” von Andreas Siekmann Bild: ddp

Ein Höhepunkt dieses Kunstsommers: Parallel zur documenta in Kassel, eröffnen am Samstag die international renommierten „skulptur projekte münster“, die seit 1977 alle zehn Jahre die Stadt gründlich verwandeln. Mit interaktiver Grafik und Bildergalerie.

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          Es ist ein anderer Rhythmus: Während in Venedig der Kunstbetrieb alle zwei Jahre durch die Gassen und die Giardini drängt, um das Neueste zu sehen, gibt es die „skulptur projekte münster“ nur alle zehn Jahre. Das ist, im Takt des boomenden Kunstmarkt gerechnet, fast schon ein obszön langer Abstand; seit 1977, als im Rahmen der Ausstellung „Skulptur 77“ neun Projekte in der Stadt gezeigt wurden, fand die Ausstellung erst dreimal statt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Allerdings hat sich in dieser Zeit viel geändert: „Kunst am Bau“ ist mittlerweile eher ein Schimpfwort geworden, die „Skulptur im öffentlichen Raum“ auch dank des monumentaldekorativen Kitsches, den Künstler wie Jonathan Borofsky mit seinen „Hammering Men“ und die unvermeidlichen City-Agenturen mit ihren bemalten Bären den Städten beschert haben, ein Schreckenswort - und deswegen wirkt es auch wie ein vandalistischer Akt der Befreiung, wenn ein Künstler wie Andreas Siekmann vor dem Münsteraner Erbdrostenhof eine meterhohe Plastikschrottkugel aufstellt, die er aus dreizehn geschredderten Plastikbären, -wasserträgern und -pferden hergestellt hat. Es sind ebendie Bären und Pferde, die, scheußlich bemalt, von Städten wie Berlin oder Hamburg an jeder Ecke aufgestellt und von den City-Marketing-Abteilungen als „Stadtkunst“ verkauft werden - und sie zu schreddern ist nicht nur ein ästhetisch verdientsvoller Akt, sondern auch ein Protest gegen die touristische Vermarktung des öffentlichen Raumes und der Städte.

          Die gelähmte Stadt als Bühne

          Die von Brigitte Franzen, Kasper König und Carina Plath kuratierten Skulpturprojekte 2007, bei denen insgesamt 34 Arbeiten gezeigt werden, sind auch deswegen interessant, weil sie der Tatsache Rechnung tragen, dass sich seit 1977 der sogenannte „öffentliche Raum“ ebenso verändert hat wie der damals schon poröse Skulpturbegriff, mit dem längst nicht mehr die Dekoration von Freiflächen mit sinnlos schönen Formen gemeint ist. Besonders aus der Architektur kommen zur Zeit interessante Impulse; es geht bei der Redefinition der „Skulptur im öffentlichen Raum“ nicht mehr um kontemplative Objekte, die dem gehetzten Stadtbenutzer für ein paar Minuten etwas Schönes ins Auge hineinschrauben, sondern darum, die in ihren geregelten Bahnen gelähmte Stadt als Bühne zu aktivieren, mit anderen Handlungsmöglichkeiten aufzuladen.

          „Trickle Down” von Andreas Siekmann Bilderstrecke

          Was das bedeutet, zeigt zum Beispiel Valerie Jouve, die in einer unwirtlichen Unterführung am Hindenburgplatz ein Kino eingerichtet hat (in dem leider ein etwas uninspirierter Film läuft). Die sonst eher unheimliche Dunkelheit des Tunnels wird so gewendet in die vielversprechende Schummeratmosphäre des Kinos, der Ort bekommt etwas Privates. Der Berliner Künstler Manfred Pernice errichtet in gleichen Geist eine Skulptur, die eher eine Bühne ist; auf eine erhöhte Betonplatte stellte er einen Pavillon mit Glasdach, den er aus dem Berliner Problembezirk Hohenschönhausen mitgebracht hat; hier kann man nun erhöht über der Stadt sitzen, sich treffen oder vom Balkon aus eine Rede halten, Gitarre spielen - jedenfalls ist die Skulptur hier ein urbaner Generator, ein Objekt, das seine Benutzer aus dem üblichen Stadtleben herauskatapultieren will. Eine solche, als experimenteller Freiraum zwischen Büros und Shopping-Malls geschobene temporäre Bühnenarchitektur ist auch der beachtliche, goldschimmernde Pavillon, den die Architekten von „modulorbeat“ als Informationspunkt der Skulptur-Projekte im Stadtzentrum errichtet haben.

          Öffentliche Toilette als Spa

          Auch Hans Peter Feldmann verwandelt einen maroden öffentlichen Randort in sein Gegenteil - er ließ die öffentliche Toilette am Domplatz wie den edlen Spa-Bereich eines Wellnesshotels gestalten und schließt so den öffentlichsten und demokratischsten mit dem elitärsten und privatesten Raum für körperliche Bedürfnisse kurz.

          Nicht alle Künstler werden derart stadtverschönernd aktiv. Der Amerikaner Mike Kelley pflegt in einem Hinterhof am Bahnhof die dunklen Seiten und errichtete einen Streichelzoo, dessen Tiere - Ziegen, Ponys und eine grimmige Kuh - eine salzige Frauenskulptur ablecken; darüber laufen Filme von Steinformationen, die „Lot's Wife“ heißen, und es solle, so erklärte Kelley lakonisch, als er seinen Zoo aufbaute, bei der ganzen Sache um Zärtlichkeit und Abhängigkeit und Sodomie gehen. Bruce Nauman ließ die lang geplante inverse Flachpyramide errichten, in deren Spitze man hinunterwandert, Mark Wallinger spannt über Dächer und Straßen, wie eine geheime Markierung, eine fünf Kilometer lange Schnur durch die Stadt, und Jeremy Deller verwandelt die Peripherie in einen großen Roman: Er verteilte an 54 Schrebergartenbesitzer ledergebundene Bücher, die sie bis zu den Skulpturprojekten Münster 2017 als Tagebuch nutzen und dann veröffentlichen sollen.

          Nicht alles ist gelungen bei dieser Skulpturenausstellung; was sie aber immer wieder auf verblüffende Weise schafft, ist die experimentelle Verwandlung der Stadt in eine Bühne: Unter Brücken erklingen Liebesarien, in Unterführungen laufen Filme, und während mitten im Zentrum die Bagger schon wieder ein Loch für die nächste Shopping-Mall graben, hält die Kunst dagegen mit Objekten, die zeigen, was Stadt auch noch sein kann: ein Ort für Erlebnisse, ein Wegenetz, das nicht nur dazu dient, aus dem Büro zum Einkaufen und dann nach Hause zu kommen.

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