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Schnäppchenland Deutschland : Warum wollt ihr immer nur billig?

  • -Aktualisiert am

Besteht Deutschland denn nur aus Aldi-Tüten? Bild: ASSOCIATED PRESS

Mit romantischen Vorstellungen zog der Journalist und Schriftsteller Ralph Martin 2003 von New York nach Berlin. Nun sitzt er in einer Schnäppchenhölle und schildert in der F.A.Z. die Beobachtungen eines ziemlich entsetzten Amerikaners.

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          Als ich 2003 nach Berlin zog, wusste ich eigentlich gar nichts über Deutschland; das große Plus war für mich einfach, dass es in Europa lag. Und Europa bedeutet für uns nun mal etwas, was wir als „Old World“ bezeichnen: mehrstündige, genüssliche Mittagessen, roher Schinken auf ofenfrischen Baguettes, Austern, Schnecken, und so weiter.

          Vielleicht haben wir „Old World“ auch immer einfach mit „mediterran“ verwechselt. Ich freute mich trotzdem auf das exotische und vor allem rohe Essen, das ich hier vermutete. Zumindest hatte ich die Vorstellung, dass die deutschen Bauern noch im frühmorgendlichen Nebel in liebevoller Handarbeit ihre Karotten, Kartoffeln und Schnecken vom Feld holen würden.

          Meine erste Begegnung mit dem Aldi-Phänomen

          Ich zog also nach Berlin. Von Produkten, die durch Bauernhände gegangen sein könnten, war hier keine Spur, jedenfalls nicht in dem ersten Laden, den ich betrat, einen „ Kaisers“. Kilometerlange Wurstreihen, „pink in plastic“, wie der Londoner Star-Koch Fergus Henderson das eingeschweißte Fleisch nennt. Obwohl das Obst und Gemüse zwar besser schmeckte und besser aussah als in New York, musste ich bald bekümmert feststellen, dass Deutschland, vor allem Berlin, nicht Italien ist. Dies mag anderen offensichtlich erscheinen, für einen Amerikaner ist es eine bittere Lektion.

          Doch dann fiel mir noch etwas anderes auf: In den Händen meiner neuen Mitbürger sah ich immer häufiger blau-und-weiss gestreifte Tüten - meine erste Begegnung mit dem Aldi-Phänomen. Aldi fing an, sich in meinem Gehirn völlig auszubreiten, so wie es das auf dem deutschen Lebensmittelmarkt getan hatte. Bald sah ich überall nur noch Aldi-Tüten, ganz zu schweigen von den Menschenmassen, die mittwochs vor unserem Aldi Schlange standen, um sich auf den neuesten Billig-Computer zu stürzen.Im Laden selbst verwirrte mich das Ambiente zutiefst: warum sieht eine erfolgreiche deutsche Handelskette des Westens aus wie der Ostblock vor 1989? Und das ohne jegliche Ironie?

          Ist „Kaisers“ etwa schon Lebensmittel-Luxus?

          Dass reguläre Supermärkte wie „Kaisers“ vielen hier schon wie Lebensmittel-Luxus vorkommen, war der zweite Schock für mich. Und damit meine ich nicht arme Menschen, sondern wirklich den Durchschnitt, also Hipster genauso wie Bürokauffrauen. Zwar gibt es diejenigen, bei denen unter Bio-Äpfeln gar nichts läuft, doch mindestens genauso viele beschwören immer wieder die gute Aldi-Qualität und finden die Vorstellung, mehr zu zahlen, lachhaft.

          Was das für die Gesamtgesellschaft bedeutet, wurde mir klar, als ich las, dass die reichsten Deutschen nicht die Hohenzollerns oder Thurn und Taxis sind, sondern die Brüder Albrecht, die sich mit 32 Milliarden Euro in der gleichen Kategorie bewegen wie Bill Gates oder die Erben von Sam Walton, der Wal-Mart gründete. Kann es sein, dass, Globalisierung hin oder her, die Tatsache, wer in einem Land das meiste Geld hat, doch etwas über die Gesellschaft aussagt - nämlich was sie am meisten schätzt und belohnt?

          Deutsche den Amerikanern nicht gerade unähnlich

          In Frankreich ist das Bernard Arnault, der mit seinem Luxusimperium Louis Vuitton Moét Hennessy (LVMH) ein Vermögen von etwa 17 Milliarden Euro angehäuft hat; gefolgt von François Pinault, zu dessen Firmengruppe PPR (Pinault-Printemps-Redoute) Gucci, Yves Saint Laurent, Bottega Veneta ebenso gehören wie der Discounter Conforama oder das Weingut Château Latour in Pauillac bei Bordeaux, eines der zehn besten Weingüter der Welt.

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