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Reichspogromnacht : Die Katastrophe vor der Katastrophe

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Die brennende Synagoge in der Bergstraße in Hannover, aufgenommen vermutlich zwischen 1.30 und 2.30 Uhr am 10. November 1938 Bild: dpa

Vor siebzig Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, brannten in Deutschland die Synagogen. Mehr als 1400 Gotteshäuser wurden angezündet und zerstört, etliche Menschen misshandelt und ermordet. In London sind nun Augenzeugenberichte neu entdeckt worden.

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          Am 23. November 1938 schrieb der Kunstkritiker und spätere Kunstsammler Heinz Berggruen über die Verwüstung des elterlichen Schreibwarengeschäfts in der Konstanzer Straße in Berlin-Wilmersdorf und die Verschleppung und Ermordung seiner Angehörigen: „Ich bin, wie Sie verstehen werden, in großer Sorge um meine Eltern, dazu kommt das deprimierende Gefühl, selber in geradezu beneidenswerter Lage zu sein und andererseits bei dem Wahnsinn da drüben kaum helfen zu können.“ Denn Berggruen befand sich, als er dies schrieb, bereits im Exil in San Francisco, wo er aus der Ferne das Schicksal seiner Verwandten beobachtete: „Meine Mutter schrieb mir in einem verwirrten Luftpostbrief vom 11. November, dass unser Geschäft in der K.-Straße völlig zertrümmert sei und dass ihr Bruder und eine Reihe weiterer Angehöriger ins Konzentrationslager gebracht worden seien. (Das Wort Konzentrationslager ist mit Krankenhaus umschrieben.) Ein anderer Vetter, der schon vor zwei Monaten nach Sachsenhausen gebracht wurde, hat dort vor ein paar Wochen eine ,Herzattacke' erlitten, an der er dann starb.“

          Berggruen hatte noch 1935 - wenn auch bloß mit seinen Initialen gekennzeichnet - für die „Frankfurter Zeitung“ geschrieben. 1936 gelang es ihm, erfolgreich nach Kopenhagen und dann 1937 in die Vereinigten Staaten zu fliehen. Sein Bericht wurde bereits 1938 an das Jewish Central Information Office in Amsterdam weitergeleitet, wo er zusammen mit Hunderten weiteren Berichten über die Ereignisse des Novemberpogroms 1938 von den Mitarbeitern Alfred Wieners gesammelt wurde. Die Berichte stützten sich auf das Netzwerk des von Wiener geleiteten Jewish Central Information Office und wurden zum Schutz der oftmals außerordentlich gefährdeten Informanten verschlüsselt. So trägt der hier zitierte Brief von Berggruen auch nur das Kürzel B 171. Zu einem Teil der Berichte fertigte Alfred Wiener im Dezember 1938 einen separaten maschinengeschriebenen Schlüssel an, der sich heute in der Wiener Library in London findet und die Aufklärung einiger Kürzel erlaubt.

          Tatsachen für Nachdenkliche

          Der Orientalist und Träger des Eisernen Kreuzes 2. Klasse, Alfred Wiener, gehörte zu den hellsichtigen Menschen, die schon während der Weimarer Republik die Gefahr eines deutschen Pogroms vorausgesehen hatten. Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte er sich im Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und warnte deutlich schon in seiner ersten Aufklärungsschrift: „Vor Pogromen? Tatsachen für Nachdenkliche“. Trotzdem ist das genaue Ziel für die Zusammenstellung der umfangreichen Dokumentation von 1938 nicht bekannt. In den Publikationen der Wiener Library lassen sich dazu auch in der Nachkriegszeit keine Anhaltspunkte finden.

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