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Papst-Entscheidungen : Politik in Gottes Hand

  • -Aktualisiert am

Der Papst empfängt im Februar 2010 Irlands Bischöfe Bild: dpa

Wie entscheidet der Papst? Hört er auf Berater, oder legt er sich allein fest? Im zwanzigsten Jahrhundert hat diese Frage große Brisanz erhalten. Die Akten im Vatikanischen Geheimarchiv versprechen Auskunft.

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          Dürfen Katholiken sich mit Gewalt gegen Regime wehren, die ihnen feindlich gegenüberstehen? Papst Pius XI. beantwortete diese wichtige Grundsatzfrage im Dezember 1931. Konkret ging es um Mexiko, wo Priester und Gläubige immer wieder verfolgt wurden und teilweise gewaltsam Widerstand leisteten. Pius XI. betonte, der Heilige Stuhl segne und stärke all diejenigen, die in diesem Kampf die Rechte Gottes und der Religion verteidigten. Unter den gegebenen Umständen könne er aber „den bewaffneten Widerstand weder autorisieren noch dazu ermutigen, um nicht zu sagen, dass er den bewaffneten Kampf ausdrücklich missbilligt“

          Wie kommen Entscheidungen des Papstes grundsätzlich zustande? Fällt er sie allein an seinem Schreibtisch im Apostolischen Palast des Vatikans? Oder sind die Organe der Römischen Kurie einbezogen? Reden die Kardinäle ein entscheidendes Wort mit, oder dürfen sie die päpstlichen Beschlüsse nur noch abnicken? Gibt es so etwas wie ein Veto des Kardinalstaatssekretärs, oder handelt der Papst als absoluter Monarch und Stellvertreter Jesu Christi unumschränkt?

          Konzil oder Papst

          Solche Fragen sind immer noch hochbrisant, sie stoßen in der Öffentlichkeit auf brennendes Interesse, wie sich 2009 bei der Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der traditionalistischen Pius-Bruderschaft und namentlich des Holocaust-Leugners Williamson gezeigt hat, als Pater Eberhard von Gemmingen, Leiter des deutschen Programms von Radio Vatikan, die unzureichende Abstimmung verschiedener kurialer Behörden beklagte. Er griff deswegen eine Forderung wieder auf, die der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier schon lange vertritt: die Bildung eines regelmäßig tagenden „Kabinetts“ aus führenden Vertretern der Kongregationen und Räte.

          Auch für die historische Forschung ist die Rekonstruktion von Entscheidungsfindungsprozessen hinter den hohen Mauern des Vatikans ein brisantes Thema. Die Öffnung aller Akten des Pontifikats von Pius XI. (1922 bis 1939) im Herbst 2006 im Vatikanischen Geheimarchiv macht es jetzt möglich, entscheidende Weichenstellungen für das Verfahren der päpstlichen Entscheidungsfindung in der Amtszeit dieses Papstes nachzuzeichnen. Sie brachten einen jahrhundertelangen Prozess – den man unter die Überschrift „Von der Kollegialität zur Autokratie“ stellen könnte – zu einem vorläufigen Abschluss.

          Hinter der Suche nach dem richtigen Verfahren beim Zustandekommen römischer Entscheidungen steht eine Kernfrage der Ekklesiologie, der theologischen Lehre von der Kirche, bei der es – verkürzt gesagt – um das Spannungsfeld von monarchischer oder kollegialer Kirchenleitung geht. Die Alternative lautet hier: Konzil oder Papst. Für das erste Modell stehen die Reformkonzilien des fünfzehnten Jahrhunderts, vor allem das Konzil von Konstanz (1414 bis 1418), dem es gelang, das seit 1378 bestehende Große Abendländische Schisma durch die Wahl Martins V. zu beenden. Dazu musste es zuerst drei konkurrierende Päpste absetzen. Das war aber nur zu rechtfertigen, wenn die im Konzil versammelten Bischöfe als Nachfolger der Apostel über dem Papst standen. Folglich bestimmte das Konstanzer Konzil im Dekret „Haec sancta“ vom 6. April 1415, dass ihm „ein jeder, welchen Standes und welcher Würde auch immer, einschließlich der päpstlichen“, unterworfen sei.

          Eine zeremonielle Handlungsbühne

          Diese Position konnte sich in der Kirchengeschichte dauerhaft nicht durchsetzen und wurde auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870) sogar in ihr Gegenteil verkehrt, als in dem Dekret des Papstes „Pastor aeternus“ der universale Jurisdiktionsprimat, die absolute, höchste Rechtsgewalt, und die Unfehlbarkeit definiert wurden. Hatte das Konzil von Trient im sechzehnten Jahrhundert das Verhältnis von Papstamt und Bischofsamt noch bewusst unentschieden gelassen, um eine neue Kirchenspaltung zu vermeiden, so war die monarchische Ekklesiologie auf dem Vatikanum endgültig zur Kirchenlehre geworden.

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