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Organisierte Kriminalität : Wer ist der Lügner in dieser Geschichte?

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Wie Kommissare, die im Drogenmilieu ermitteln, erst einmal wissen müssen, welche Drogen wie verpackt an welchen Stellen von wem versteckt, abgeholt und konsumiert werden, müssen Kommissare, die im Kunstmilieu ermitteln, die Menschen daraus kennen. Bärbel Groth-Schweizer nennt sie ihre „Klientel“. Dazu gehören Museumsdirektoren, Galeriebesitzer, Restauratoren, und das seien alles „besondere Menschen“. Für die müssen sich die Kommissare ein bestimmtes Vokabular aneignen. Wenn von „Provenienz“ gesprochen wird, sollte ein Kommissar nicht an Lavendelfelder denken, sondern hellhörig werden. Das lernt man in einer normalen Polizeiausbildung nicht. Dort lernt man das Schweigen. Darum, sagt die Kunstkommissarin, könne sie leider auch nichts zu dem aktuellen Fall der Sammlung Werner Jägers sagen. Zu groß ist die Gefahr, dass noch mehr Beteiligte gewarnt werden und Beweise verschwinden.

Abteilung „Trick-Tasch-Kunst“

Für Kommissare, die sich auf Autoschieberbanden und Drogendealer spezialisieren, gibt es in den Landeskriminalämtern spezielle Schulungen. Solche Fortbildungen gibt es für Kunstkommissare nicht. „Wir brauchen kein Faible für Kunst, wir brauchen eine sehr gute Sachbearbeitung“, sagt Bärbel Groth-Schweizer. Ein Kommissar, der in Kunstdingen ermittelt, geht deshalb ins Museum. Er schult sein Auge an Bildern und Skulpturen, besucht Galerien, Flohmärkte, Auktionshäuser und Antiquitätenläden. Die Beamten sagen dazu „Vertriebswege“.

Bärbel Groth-Schweizers erster Fall in der Kunstwelt betraf einen Bibliothekar, der alte Kunstbücher aus seinem Archiv unterschlagen hatte. Das war vor zweiunddreißig Jahren. Keine spektakuläre Fälschung, die gab es damals kaum, aber immerhin tat sich für die Kommissarin bei ihren Ermittlungen eine Welt auf, die Polizisten selten betreten. Sie gehörte noch zur Abteilung „Trick-Tasch-Kunst“, in der Trick- und Taschendiebstahl sowie Kunstdelikte zusammenliefen. Es gab damals nicht viele Fälle aus der Kunstwelt, ein eigenes Kunstkommissariat hätte sich gar nicht gelohnt. Aber seitdem wurden es immer mehr.

Am Anfang steht der Fälscher

Da waren zum Beispiel die Handschriften der Zaren, die aus dem Staatsarchiv in Sankt Petersburg verschwanden und später in Berlin verkauft werden sollten. Oder der Einbruch ins Berliner Brücke-Museum, bei dem neun Gemälde gestohlen wurden. Oder mehrere gefälschte Schmitt-Rottluffs, einer der Lieblingsfälle der Kommissarin: Eine begnadete Hobbykünstlerin hatte für einen Bekannten Bilder im Stile des Expressionisten gemalt, wusste aber nicht, dass ihr Auftraggeber sie als echt verkaufen wollte. In der zweiunddreißigjährigen Amtszeit von Bärbel Groth-Schweizer war das die einzige Frau, die Bilder kopiert hat. Sonst waren es immer Männer.

Das, was den Ermittlern bei ihrer Klientel an Menschen immer wieder begegnet, klingt wie ein Typenkanon der Commedia dell'Arte. Am Anfang steht der Fälscher, oft ein armer Tropf, ein talentierter, aber glückloser Künstler, der im Auftrag Bilder kopiert und manchmal - wie im Falle etwa der Schmidt-Rottluffs - nicht einmal weiß, dass sie als Werke namhafter Kollegen verkauft werden. Dann der Händler, der versucht, Kunden mit seiner Freude über den Fund anzustecken. Er kann, muss aber nicht wissen, dass er eine Fälschung verkauft. Und der Experte, ein wichtiges Glied im „Vertriebsweg“. Er allein kann das Werk als authentisch einstufen. Schließlich der Betrüger: Jeder von ihnen könnte es sein. Er ist der Geschichtenerzähler, spricht dem Werk Entstehung, eine Reise, einen Fundort zu - und somit auch seinen Wert.

Die schwierigste Aufgabe der Kommissarin ist, so jemandem nachzuweisen, dass er die Geschichte nur erfunden hat. Ganz normale Polizeiarbeit also.

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