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Oldtimerrennen Mille Miglia : Alle Ölspuren führen nach Rom

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Keine Zeit für eine Pause: Ein Porsche 356 schleicht durch die engen Gassen von Siena Bild: Rainer Meyer

Dieses Oldtimer-Rennen lockt Liebhaber schöner Automobile und Anhänger einer Technik, die vom Menschen abhängig ist - und nicht umgekehrt. Die „Mille Miglia“ sind ein Lehrstück über die Moderne.

          Nicht alle, deren Wege nach Rom führen, haben dort auf den ersten Blick Sinnvolles zu tun: Hannibal überquerte Berge und die Toskana, um die Stadt mit dem Gebrüll seiner Elefanten zu terrorisieren, so mancher Papst ließ sich dort vergiften, und der Verfasser dieses Beitrags stand vor einer Woche an der Engelsburg - nur, um toxische Abgase zu atmen und der Kakophonie alter Motoren am Rande des Überhitzungstods zu lauschen. An jedem anderen Tag des Jahres würde er Museen besuchen oder die Reste antiker Größe bestaunen - aber es ist Mille Miglia, das 1600 Kilometer lange Oldtimerrennen von Brescia nach Rom und wieder zurück.

          Drei Tage lang dröhnen 375 höchst unsichere Automobile durch das Land, und was bis Rom nicht im Straßengraben gelandet ist, röchelt seine letzte stinkende Wolke unter dem Jubel der Zuschauer in den römischen Nachthimmel. Das ist nicht gesund, das ist nicht sinnvoll, das ist eine ziemlich banale Gafferei auf Gegenstände, die niedrige Instinkte ansprechen. Und doch ist in dieser einen Nacht hier in Rom, dem Zentrum des Erdkreises, die Weissagung des Futuristen Marinetti von 1909 erfüllt: Ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.

          Allerdings war das dergestalt verherrlichte Rennauto der Futuristen noch ein Kampfvehikel gegen die "Passatisten", jene rückwärtsgewandten und reaktionären Kräfte Italiens, die der Moderne im Weg standen. Heute sind die Rennwagen der Mille Miglia, alle gebaut zwischen 1927 und 1957, auf den ersten Blick eher Gegenstände nostalgischer Betrachtung, von meist älteren und bessergestellten Herrschaften gefahren und in jeder Hinsicht veraltet: Relikte einer Techniksteinzeit, als man Automobile noch nicht mit Strom und Hybridtechnik betreiben wollte, als das Fahrzeug kein mobiler Computer war, der jede Gefahrenquelle ausschließt, und man erwarten musste, auf 1600 Kilometern über italienische Landstraßen erheblich mehr Schaden als ein paar Falten im Sakko zu erleiden.

          Die Ruhe vor dem Start - ein Plausch über die Qualitäten eines Mercedes 300SL

          Das originale, von 1927 an ausgetragene Rennen war ein gefährliches, verantwortungsloses Spektakel mit überzüchteten Rennmaschinen auf öffentlichen Straßen. Man sollte froh sein, dass der Irrsinn 1957 nach einem schweren Unfall mit elf Toten beendet wurde. Trotzdem steht man an der Engelsburg und bewundert die Formen, die Geräusche und den infernalischen Gestank der veralteten Mordmaschinen, die abermals in zwei Tagen und drei Nächten durch Italien getrieben werden.

          Bei der Mille Miglia regnet es immer

          Für die Teilnehmer und den Tross ihrer Begleiter hat das alles wenig mit einer angenehmen Rundfahrt durch eine einzigartige Kulturlandschaft zu tun. Städte werden im Eiltempo durchmessen, für ein Aussteigen bleibt keine Zeit. Die alten Fahrzeuge verlangen viel Kraft beim Lenken, Kuppeln und Bremsen, die Gangschaltungen sind hakelig, die Federung verdient oft den Namen nicht, und Fahrtkomfort ist nicht vorhanden - im schlechtesten Fall besitzt der Wagen nur kleine Aeroscheiben und kein Verdeck. Das Wetter aber ist typisch für den Mai: "Bei der Mille Miglia regnet es immer", sagt ein erfahrener Teilnehmer am Start in Brescia, und er sollte recht behalten. Es gab dieses Jahr Momente mit großartigem Wetter beim Prolog, am Abend in Rom und auf dem Campo in Siena. Aber auch lange Stunden mit Wolkenbrüchen, Schauern, schmierigen Straßen im hintersten Umbrien und andere Situationen, die nur sehr bedingt zur Vorstellung der Mille Miglia als Ausfahrt reicher und schöner Menschen passen, die ihre tollen Autos herzeigen wollen.

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