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Neue Popmusik : Ist der Punk eine Bank?

Die Banken schwanken, wir aber haben elektronische Operetten: Sufjan Stevens Bild: Thomas Brill

Die Welt steckt mitten in der Finanzkrise, und auch der Musikindustrie ging es schon einmal besser. Trotzdem erscheinen im Augenblick die opulentesten, reichsten und euphorischsten Pop-Platten seit Jahren. Wie hängt das zusammen?

          Der Markt schrumpft. Aber der Popmusik ist das egal. Zum ersten Mal seit Jahren löst sie sich aus der Vergangenheitsseligkeit, von den Nachbildern besserer Tage, und entdeckt die Gegenwart wieder für sich, ja vielleicht sogar die Zukunft. Hurra! Ein Glück. Sie dreht sich also doch. Mehr noch: Gerade in den finanzkrisengebeutelten Vereinigten Staaten, Deutschland und in Großbritannien erscheinen momentan Platten, die opulenter, funkelnder und euphorischer klingen denn je. Man hätte auch den großen Depressionsblues erwarten können. Stattdessen liefert jetzt Gutelaunemusik den Soundtrack zur Krise.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dabei schien es eine Zeitlang gar nicht mehr weiterzugehen im Pop. Er wurde zusehends nostalgischer. Man kann nicht genau sagen, wann das begann, endgültig hörbar für die breite Öffentlichkeit wurde es vielleicht gegen Ende 2001, als die erste Platte der New Yorker Rockband The Strokes erschien, sich sofort sehr oft verkaufte, aber klang, als sei sie fünfundzwanzig Jahre alt. Seit 2001, seit einer kleinen Ewigkeit also, sind junge Bands wieder und wieder auf den gespurten Wegen alter Bands unterwegs gewesen, die es zum Teil schon gar nicht mehr gab, als die Mitglieder dieser jungen Bands geboren wurden. Als würden Enkel freiwillig die Kleider ihrer Großeltern auftragen, so wirkte das: bequem natürlich, weil eingetragen, aber irgendwie auch vermufft.

          Effizient. Schnittig. Schnurgerade. Pfeilgenau

          Zugestanden, nicht nur in der Mode ist das Zitat ein Gesetz des Fortschritts. Zu den besten Zeiten schrieb beispielsweise Prada den Dresscode der Phase von 1968 bis 1972 für das einundzwanzigste Jahrhundert um. Die Popmusik forscht ihrerseits nun schon seit Jahren an dem, was zwischen 1976 bis 1982 geschah, zwischen dem Ausbruch des Punk also und dem „Thriller“-Album von Michael Jackson – zweier Jahrhundertereignisse in der Popmusik. Aber während sich vor dreißig Jahren eine der bekanntesten Bands, The Clash, von der orthodoxen Gitarrenlehre des Punks immer weiter in Richtung des schwarzen Motown-Sounds bewegten, von dem auch Michael Jackson herkam, versammelten sich die meisten der neuen Neopunkbands der Nullerjahre dicht um den reinweißen Sound des Punks. Und spielten eine handgemachte Gitarrenmusik, zu der man hin und wieder, aber viel zu selten tanzen konnte.

          Dünne Jungs in engen Hosen: Alex Kapranos von Franz Ferdinand

          Das war schön, so lang es dauerte, aber es dauerte dann doch zu lang. Sasha Frere-Jones, der Popkritiker des „New Yorker“, hat schon vor einem Jahr die Homogenität aktueller Rockmusik beklagt, die offenbar ihre Kraft zur Synthese verloren habe und – anders als zu Zeiten von Elvis und den Rolling Stones – leider kaum mehr schwarze Einflüsse integriere. Nun ist Rockmusik natürlich nicht die UN-Vollversammlung. Größere Vielstimmigkeit hat aber auch ihr schon immer gutgetan. (Übrigens ist das Nostalgiephänomen nicht auf Männermusik mit Gitarren beschränkt, auch neue Soulsängerinnen wie Amy Winehouse oder Duffy tragen ja die Kleider von Dusty Springfield auf.)

          Es gibt Theoretiker, die behaupten, dass Pop erst dann richtiger Pop ist, wenn ein Lied wie das andere klingt. Kann sein. Andererseits bildet sich so unvermeidlich eine sehr langweilige Kohorte heran. Damit scheint jetzt aber Schluss zu sein. Es geht voran, um es mit einem ebenfalls zu Tode zitierten Lied der Fehlfarben zu sagen – einer deutschen Band, deren tanzbare Gitarrenmusik von 1980 exakt jener Popformel entspricht, die seit ungefähr 2001 herauf- und herunterzitiert wurde. Diese Formel hieß damals und heißt noch heute: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang. Also: Effizient. Schnittig. Schnurgerade. Pfeilgenau. „Konturenscharf“, würde Claus Peymann sagen, konturenscharf wie ein etwas zu enger Anzug, in dem seit 2001 meist dünne Jungs gesteckt haben: Ihre Bands nannten sich The Strokes, Kaiser Chiefs, The Hives, The Kooks oder The White Stripes, Arctic Monkeys und Franz Ferdinand. Die letzten drei sind wohl die bekanntesten und erfolgreichsten unter ihnen gewesen.

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