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Neue Popmusik : Ist der Punk eine Bank?

Ach, früher. Früher war trotzdem nicht alles besser, selbst als früher noch gar nicht früher war, sagten das manche klugen Menschen schon. Seit den fünfziger Jahren vergrößerte das sogenannte analoge Multitrack-Recording die Zahl der Spuren, auf denen man im Studio einzelne Instrumente übereinanderlegen konnte: erst vier, dann acht, später sechzehn Spuren, Mitte der siebziger Jahre waren es vierundzwanzig. „Sgt. Peppers Lonely Heart’s Club Band“ aus dem Jahr 1967 ist das berühmteste Beispiel dieser Aufnahmetechnik – die natürlich ohne das musikalische Genie der Beatles, aber ebenso wenig ohne die technische Raffinesse ihres Produzenten George Martin nicht denkbar gewesen wäre. Die vier, acht, sechzehn, vierundzwanzig Spuren führten aber auch in überflüssigen Pomp, mit jedem Jahr, in dem diese Mischmaschinen günstiger wurden. Anfang der siebziger Jahre standen sie schließlich überall in den Tonstudios herum. Und plötzlich, so schimpfte schon damals der Popavantgardist Brian Eno, fingen Rockorchester wie Yes, Genesis oder Emerson, Lake and Palmer an, „wie ein schlechter Koch jedes einzelne Kraut vom Gewürzregal in die Suppe zu streuen“. Selbstverliebte, unhörbare Platten sind so entstanden. Virtuoses L’art pour l’art, das zwischen Bühne und Publikum einen Ehrfurchtsabstand erzwang. Ein entrückter Sound, der nicht in der Gegenwart von Ölkrise und Massenstreik zu Hause war, sondern im Elfenland, am Hofe Heinrich VIII. oder auf fernen Sternen.

Die Freiheit junger Musiker, über die Stränge zu schlagen

Mit den Musikern von damals haben heutige Bands wie Passion Pit oder TV On The Radio nur noch die langen Bärte gemeinsam. Ansonsten trennt sie der tiefe Graben, den Punk Mitte der siebziger Jahre in die Welt riss. Jenseits davon lebt es sich riskanter. Jenseits davon kann jeder eine Band gründen und alles selbst machen und mittlerweile sogar seine Musik von zu Hause aus unter die Leute bringen, über das Internet nämlich und ohne Plattenvertrag. Für junge Musiker ist eine Idealwirtschaft entstanden: Niemand handelt mehr mit ihren Talenten – und das ist es vielleicht, was diese Musiker gegen die aktuelle Krise gewappnet hat, in der sie leben und ihre Lieder schreiben: Sie können diese Gegenwart beschimpfen oder umarmen, sie können unbeirrt weitersingen, weil sie längst auch unabhängig von den börsennotierten Musikkonzernen und ihrem Renditenzwang operieren können, falls sie das wollen. Wenn ihre Musik funkelt und strahlt, als wäre die Welt eine Diskokugel, sind das nicht die letzten Tage von Rom, ist das keine Party am Abgrund oder Reibungshitze im Reizklima, die sich entlädt: Es ist der komplett unzynische Ausdruck einer noch größeren Freiheit, als sie sich Neoliberalisten vorstellen können.

Die Geschichte der Popmusik ist immer auch eine Technikgeschichte gewesen, einer Aneignung der Apparate, die sich einfacher und einfacher bedienen ließen. Und so handelt das gegenwärtige Kapitel einmal nicht vom Konsumenten, sondern vom Produzenten, geht es diesmal nicht um die Nöte von Vinylliebhabern oder das Glück von mp3-Fetischisten, sondern um die Freiheit junger Musiker, über die Stränge zu schlagen, weil sie die Mittel dazu haben. Die Opulenz und der Überschwang aktueller Popmusik reagiert nicht auf die Krise, sie hat sich von ihr emanzipiert.

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