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Neue Popmusik : Ist der Punk eine Bank?

Ein irgendwie protestantischer Pop

Aber wenn es gut läuft und sich die Popmusik endlich daran erinnert, immer auch ein Innovationsmedium gewesen zu sein, dann heißen die bekanntesten und erfolgreichsten Popkünstler von morgen: Get Well Soon, MGMT, Passion Pit, Sufjan Stevens und TV On The Radio. Die Liste ist etwas wahllos und ließe sich noch um einige Namen erweitern. Ein paar der genannten Bands sind schon jetzt bekannt und auch erfolgreich, andere müssen es noch werden. Sie klingen nicht alle gleichermaßen opulent und überdreht, aber doch teilen sie einen Hang zu Maßlosigkeit und Überschwang, zum Zuviel. Sie prassen alle mit ihrem Talent. Man stelle sich Champagner vor, den es schüttelt, der endlich aus der Flasche will, dann knallt der Korken, es schäumt: Hat dieser Anblick jemals keinen Spaß gemacht?

Der sogenannten Jugend von heute hat der Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“, Jens Jessen, kürzlich vorgehalten, sich in einer Art vorauseilendem Gehorsam marktförmig gemacht zu haben, statt sich erst einmal selbst zu finden. Das war feinster Kulturpessimismus, der als Sorge ausgab, was wohl letztlich Selbstzufriedenheit ist. Komisch scheint allerdings, dass ausgerechnet in einer Zeit, da die Musikindustrie immer weiter abbauen muss, weil sie gegen den Vertrieb im Internet kein Mittel weiß, dass also in einem schrumpfenden Markt das Outfit neuer Popmusik ebenfalls immer sparsamer geworden war. Sparsam nicht in dem Sinne, abgelegte Muster einfach immer wieder überzustreifen, sondern sparsam in der Instrumentierung, in Songlängen, Bühnenkostüm. Ein irgendwie protestantischer Pop, gefertigt nach dem Manufactum-Werbespruch: Es gibt sie noch, die guten, alten Dinge. Als sei ein Gitarrenriff wie ein Telefon aus Bakelit.

Jetzt aber nimmt ein junger Mann aus Oberschwaben namens Konstantin Gropper eine Platte quasi im Alleingang auf, die nichts damit im Sinn hat, auch nur zwei, drei Takte lang unter einen Hut zu passen, weil Gropper noch eine Idee auf noch eine Idee auf noch eine Idee türmt: Get Well Soon hat er seine Band genannt. Jetzt arbeitet ein Multi-Instrumentalist namens Sufjan Stevens daran, eine Musik so groß wie das Land zu machen, aus dem er stammt, Amerika also; eines seiner Alben handelt von Michigan, ein anderes von Illinois, zuletzt hat er den Brooklyn-Queens-Expressway in eine Oper verwandelt: Es ist ein bisschen wie bei Jorge Luis Borges und seiner „Bibliothek von Babel“, nur dass die Welt bei Stevens nicht zwischen Buchdeckeln, sondern in Liedern ausgemessen ist. Jetzt häkeln die zwei Schamanen vom New Yorker Duo MGMT einen Quilt aus allem, was die Wellen aus dem Äther angespült haben. TV On The Radio, ebenfalls aus New York, sprengen nicht nur im Bandnamen die Logik der Formate und montieren einen kopflastigen Urschreigitarrenrap zusammen, und man merkt schon daran, dass sich so recht kein Etikett an diese Musik pappen lässt, dass hier etwas schwer in Unruhe ist. Passion Pit aus Boston schließlich huldigen dem Falsett, beschwören Rapunzel und bringen die aktuelle Lage auf den Punkt: Die Banken schwanken, wir aber haben elektronische Operetten.

Auf der Strecke bleiben die großen Tonstudios

Würde man die genannten Popkünstler danach befragen, ob ihre Musik irgendetwas mit dem schrumpfenden Markt oder der Finanzkrise zu tun hat, würden sie das sicher verneinen. Und doch sind es die Produktionsbedingungen, die ihren bombastischen Sound möglich gemacht haben. Was nämlich den Musikmarkt unter Druck setzt, die fortschreitende Digitalisierung der Musik also, bedeutet für neue Bands umgekehrt eine Arbeitserleichterung: Der Computer rechnet die Tonspuren, klickklick, einfach zusammen. Früher taten das Experten an Knöpfen und Reglern, die extra bezahlt werden mussten, Studiomiete ist teuer. Jetzt geht es in Eigenregie im Probenkeller, klingt auch nicht schlechter und wird vor allem immer preiswerter. Kein Wunder, dass diese neue Bombastmusik oft von Solisten stammt oder vielleicht noch von einem Duo. Das erklärt zwar auch ihre Exzentrik, andererseits braucht man eben dank der Digitaltechnik nicht mehr so viele Personal wie früher. Auf der Strecke bleiben dabei leider die großen Tonstudios, wie Marc Deckert neulich in der „Süddeutschen Zeitung“ beschrieben hat, und damit ein Handwerk, sicher auch eine Qualitätssicherung im Klang, die manche Platten unverkennbar machte und so etwas wie Schulen gründete.

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