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Naturfilmer Fothergill im Gespräch : Ist die Welt ohne Menschen schöner?

  • Aktualisiert am

Fothergill: „Man darf sich bei Naturfilmen niemals einmischen” Bild: F.A.Z. - Burkhard Neie

Mit der Kamera einmal um die ganze Welt: Der englische Naturfilmer Alastair Fothergill kommt in seinem neuen Dokumentarfilm „Unsere Erde“ sofort zur Sache. So wie beim Interviewtermin in Berlin. Dort verrät er sogar seine Tricks.

          Das Berliner Nobelhotel, in dem das folgende Interview mit Alastair Fothergill stattfindet, ist nicht gerade die natürliche Umgebung für einen Naturfilmer wie ihn. Dennoch kommt der Engländer wie in seinem Dokumentarfilm „Unsere Erde“ sofort zur Sache. Es geht schließlich ums Ganze - down to earth.

          Nach all den Vorbereitungen, der fünfjährigen Drehzeit unter Extrembedingungen mit mehreren Teams, dem für eine Naturdokumentation gewaltigen Budget von vierzig Millionen Euro - warum ist Ihr Film eigentlich so kurz?

          Finden Sie neunundneunzig Minuten zu kurz? Das freut mich. Ich hatte eher die Sorge, dass er zu lang ist. Die Sache mit Naturdokumentationen ist, dass sie keine augenfällige dramatische Handlung haben so wie Spielfilme. Ein Gegenbeispiel wäre vielleicht „Die Reise der Pinguine“, die sich auf einen sehr schmalen Ausschnitt der Tierwelt konzentriert. Wir aber wollten von Anfang an einen Film über den ganzen Planeten machen. Da ist es schwierig, einen Erzählfaden zu finden, der die Leute bei der Stange hält. Wenn man das bedenkt, sind neunundneunzig Minuten doch ziemlich lang. Der Film hat viel gekostet - durch die schiere Größe des Projekts, die abgelegenen Drehorte, die Probleme der Technik. Ehrlich gesagt hätten wir den Film ohne die begleitende BBC-Serie nie machen können. Er wäre zu teuer gewesen.

          Gibt es in der Serie auch Haupt- und Nebenrollen unter den Tieren, so wie im Film?

          Nein. Die Serie konzentriert sich auf Lebensräume, nicht auf einzelne Tiere. Im Fernsehen bekommen sie nie die ganze globale Geschichte, die dreidimensionalen Charaktere.

          Gibt es eine zwangsläufige Entwicklung von den Naturdokumentationen im Fernsehen zu dieser großen, epischen Kinoform?

          Das würde ich nicht sagen. Soweit ich weiß, hat noch nie ein Film so auf die ganze Erde geschaut, wie es „Unsere Erde“ macht.

          Wie individuell sind eigentlich Ihre tierischen Charaktere? Am Anfang sieht man eine Eisbärenmutter mit ihren Jungen, am Ende des Films stirbt ein Eisbär. Ist das der gleiche Bär?

          Nein. Sie können einen einzelnen Eisbären nicht über einen längeren Zeitraum verfolgen. Die Szene, in der der Eisbär die Walrosse angreift, wurde in Kanada gedreht, die Sequenz, in der die Bärenmutter mit ihren Jungen die Eishöhle verlässt, in der norwegischen Arktis. Wir geben den Bären ja auch keine Namen. Die Frage ist aber: Bedeutet das, dass das Publikum dadurch weniger emotionalisiert wird?

          Bei mir bedeutet es das nicht.

          Das ist das Entscheidende. Was ist der Unterschied zwischen Kino und Fernsehen? Die große Sache des Kinos ist doch, dass es das Publikum mitreißt. Im Kino öffnen Sie sich auf eine Weise, die beim Fernsehen nicht möglich ist. Die große Herausforderung bei „Unsere Erde“ bestand darin, über den ganzen Planeten zu reden und gleichzeitig die Leute an unsere drei Hauptcharaktere zu binden - das Gleichgewicht zwischen der Erdgeschichte und der Tiergeschichte zu finden.

          Ich dachte, Sie wollten nicht, dass wir den Eisbären als Individuum sehen, weil wir dann am Ende des Films noch mehr geschockt wären. Es ist schrecklich, den Jäger im Angesicht seiner Beute an Schwäche sterben zu sehen. Es ist der Umsturz der natürlichen Ordnung.

          Ich weiß. Deshalb haben wir es ans Ende gestellt. Wir wollten, dass die Leute mitempfinden, was es bedeutet, ein Eisbär zu sein. Man muss die Tiere nicht menschenähnlich machen, um das zu erreichen. Die Natur ist eindrucksvoll genug.

          Haben Sie Angst, der düstere Schluss von Unsere Erde könnte den kommerziellen Erfolg des Films gefährden?

          Nein. Wir haben das Klimaproblem ans Ende gestellt, weil wir wollen, dass das Publikum nachdenklich aus dem Kino geht. Aber es soll den Film trotzdem genießen können. Er soll keine Schulstunde sein. Glauben Sie, dass er nicht kommerziell genug ist?

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