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Museumsbesucher : Mensch, was suchst du bei der Kunst?

  • -Aktualisiert am

Was steckt hinter dem Kunst-Boom? Hito Steyerls „Red Alert” auf der documenta Bild: dpa

Die Zahlen sind beeindruckend: Besucherströme wälzen sich in ganz Europa durch Ausstellungen. Was aber suchen all die Menschen bei der Kunst? Julia Voss über das Massenphänomen des Museumsbesuchs und ein neues Kunstverständnis.

          An einem ganz gewöhnlichen Mittwoch in der Londoner Tate Modern erlebt eine Besucherin Folgendes: Sie hat die U-Bahn bis zur Station Southwark genommen, fährt mit der Rolltreppe aus dem dunklen Bauch der Stadt ans Tageslicht, läuft in der Sonne zehn Minuten bis zum Museumseingang, nimmt die nächste Rolltreppe, die nun ins Gebäudeinnere führt, und landet direkt vor einer großen Vitrine. Darin: eine Arbeit von Joseph Beuys. Zu sehen sind - unter einer Glashaube - eine verschrumpelte Karotte und ein vom Künstler beschriftetes Blättchen, auf dem mit Bleistift notiert ist: „Versuch, eine Karotte in Sand zu ziehen“.

          Joseph Beuys, zur Erinnerung, das war mal der Künstler, der als Lieblingshassfigur in der „Und das soll Kunst sein?!“-Fraktion galt und dessen von einer Reinigungskraft weggeputzte Fettecke zum Kalauer aufstieg. Heute bilden sich um das Ausstellungsstück in der Tate Modern Besuchertrauben; die kleine Karotte im Glaskasten ist ein selbstverständlich angestauntes Kunstwerk. Und das gilt für Großbritannien wie Deutschland.

          Überwältigende Rekorde

          Die Frage lautet: Was machen all diese Menschen im Museum? In Zahlen: Im Jahr 2005 wurden in England 42 Millionen Museumsbesuche gezählt. Das sind mehr als Zuschauer bei Spielen der englischen Profi-Liga; es sind sogar über die Hälfte mehr als Theaterbesucher, die Musical-Produktion des Londoner West End und Broadway eingeschlossen. Die überwältigenden Besucherrekorde verdanken sich zu einem Großteil einer Maßnahme der britischen Regierung.

          Was steckt hinter dem Kunst-Boom? Hito Steyerls „Red Alert” auf der documenta Bilderstrecke

          Im Jahr 2001 wurden in England die Eintrittsgelder für staatlichen Sammlungen abgeschafft - die Tate und ihre vier Häuser in London, Liverpool und St Ives fallen darunter allerdings nicht. Sie konnten schon vorher frei besichtigt werden, Karten müssen nur für Sonderausstellungen gelöst werden. Aber gerade die Zahlen der Tate klettern nach oben: Allein durch die Tate Modern drücken, drängeln und schieben sich fünf Millionen Besucher im Jahr. Jeden Tag brummt das riesige Backsteingebäude am Themse-Ufer wie ein Bienenkorb. Die Institution ist der wahrscheinlich beeindruckendste Modellfall des sich seit einigen Jahren abzeichenden Museumsbooms (siehe auch: Kunstrutschen: Carsten Höller in Tate Modern).

          Besucherrekorde allerorten

          In Deutschland, wo die Museen weniger als in England an einem Ort konzentriert sind, sondern sich über die ganze Republik verteilen, schrillten den Sommer über aus fast jeder Großstadt die Erfolgsglöckchen - Besucherrekorde im sechs- oder siebenstelligen Höhen. In aller Kürze:

          120.000 Menschen sahen zum Beispiel die Retrospektive von Daniel Richter in der Hamburger Kunsthalle (siehe auch: Interview mit Daniel Richter: „Die meisten Maler sind doof“), mehr als 60.000 Menschen kamen zur Ausstellung „Made in Germany“ in Hannover, in der Berliner Neuen Nationalgalerie wurde kürzlich der 500.000. Besucher begrüßt (siehe auch: Impressionismus in Berlin: Auf zur Parade der Augenschmeichler und Lieblingsbilder), und das Bode-Museum haben seit seiner Wiedereröffnung im Oktober 2006 eine halbe Million Menschen aufgesucht (siehe auch: Bode-Museum: Einblicke in ein unvergleichliches Haus). Auch die Documenta in Kassel wird, wenn sich die optimistischen Schätzungen der Veranstalter bewahrheiten, bis zum 23. September 650.000 Besucher erreichen (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: documenta 12 - Der Neuanfang).

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