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Kuscheltier entlaufen : Wauwau verzweifelt gesucht

Ein Bild vergangenen Glücks - und ein Handzettel, dessen tragische Botschaft nur Eltern wirklich verstehen können.
          5 Min.

          Wauwau war ein Weihnachtsgeschenk. Ein kleiner Stoffhund. Blütenweiß und so kuschelig, dass man nicht die Finger von ihm lassen konnte. „Wauwau“, war das Erste, was unsere Tochter sagte, nachdem sie das Tier aus dem Papier befreit hatte, und dabei bekam sie große Augen, die für den Rest des Heiligen Abends nicht mehr zu leuchten aufhörten. So hatte das Tier seinen Namen - und eine fürsorgende Besitzerin, die sich für nichts anderes mehr interessierte. Nicht für die Kerzen am Christbaum, nicht für die Weihnachtslieder. Selbst für die anderen Geschenke nicht. Mehr als Wauwau brauchte sie nicht. An diesem Abend war eine Freundschaft fürs Leben verabredet worden. Sie hielt nur gut ein Jahr.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Dann war Wauwau weg. Vielleicht entlaufen. Vermutlich eher aus dem Kinderwagen geplumpst. Irgendwo zwischen Haus und Kindergarten war Wauwau an einem sonnigen Nachmittag seine eigenen Wege gegangen, so jedenfalls erzählten wir es unserer Tochter und sagten, dass er vielleicht ein wenig durch den Wald habe rennen wollen oder dass er sich mit anderen Hunden verabredet habe, um ihnen zu erzählen, wie gut es ihm bei ihr gehe. Und dann sagten wir noch, dass er ganz bestimmt irgendwann zurückkommen werde. Er kenne ja den Weg. Unsere Tochter weinte eine Zeitlang, war aber insgesamt gefasster, als wir es erhoffen durften. Der Vater, dachte sie wohl, ist ja auch oft tage- oder gar wochenlang verschwunden und steht dann wie aus heiterem Himmel plötzlich wieder in der Haustür.

          Rufe in den Wald

          Dennoch hatte unsere Tochter täglich gefordert, im Kinderwagen zum Waldrand geschoben zu werden. Dann rief sie mit ihrem piepsigem Stimmlein „Wauwau“ in Richtung der Bäume und tröstete sich damit, dass er ganz offensichtlich sehr viele neue Freunde gefunden haben muss. Nur ganz allmählich wurden die Abstände der Suchaktionen größer. Und viel zu spät kamen wir auf die Idee, den halben Ort mit Steckbriefen zu plakatieren, in der Hoffnung, dass irgendein Spaziergänger den Hund zu sich hereingeholt hatte. Doch niemand meldete sich. Auch nach Monaten noch rannte unsere Tochter jedes Mal an die Tür, wenn es dort klingelte oder klopfte, im Glauben, nun käme der Hund zurück. Wir hätten heulen können. Erst nach einem halben Jahr schien Wauwau endlich vergessen. Da zogen wir um.

          „Und wie soll er uns nun finden?“, fragte unsere Tochter, als der Möbelwagen beladen war und wir dem alten Haus zum Abschied winkten. Was sie meine, fragten wir. „Na, der Wauwau“, sagte sie bestimmt, und schon kullerten die ersten Tränen über das Gesicht. „Wie soll uns der Wauwau jetzt finden, wenn wir ganz woanders wohnen?“ Das war im Sommer. Sie schluchzt noch immer dann und wann und redet von ihrem Hund. Der Vater aber hatte eine Idee: Am nächsten Weihnachtsfest würde Wauwau vor der Tür des neuen Hauses sitzen. Wozu gibt es das Internet?

          Briefe an den Verkäufer

          Dem Verkäufer des Tiers, der Parfümerie Douglas, hatten wir natürlich längst eine herzzerreißende Darstellung unseres Problems geschickt, samt Foto des Kinds mit dem Hund im Arm. In unserer naiven Vorstellung malten wir uns aus, dass nun ein Einkaufsleiter des Unternehmens in ein großes Kellerlager hinabsteigen würde, in dem von allen Produkten, die Douglas je im Angebot hatte, einige Exemplare für solche Notfälle wie unseren zurückgelegt seien. In den nächsten Tagen rechneten wir mit Post, und nun waren wir es, die aufgeregt an die Tür rannten, wenn es klingelte. Nach ein paar Wochen hofften wir zumindest noch darauf, dass eine der netten Damen aus dem Servicebereich, die wir längst alle vom Telefon kannten, uns wenigstens den Namen des Herstellers oder Lieferanten zumailen würde. Nichts dergleichen geschah.

          Dafür glaubte der Besitzer von Frankfurts größtem Teddybärladen, das Firmenlogo am Po des Hunds erkannt zu haben. Fast wie im Film „Blow Up“ hatten wir das rosafarbene Etikett aus einem unserer Kinderbilder so weit heraus vergrößert, dass es zwar nur noch aus Punkten bestand, für den Fachmann aber eine erkennbare Form annahm. „Russ“, sagte der Bärenhändler, schränkte aber leider gleich darauf ein: „Vielleicht Russ.“ Einen Katalog habe er leider nicht. Wozu auch? Froher Dinge gaben wir den Namen bei Google ein. Die Bilder, die augenblicklich den Bildschirm füllten, wendeten sich eher an ein erwachsenes Publikum mit dem Bedürfnis zu kuscheln. Erst der Zusatz „Stofftiere“ im Suchfeld brachte uns in die Welt des Kleinkinds. Zweihundertfünfzehn Plüschtiere lachten uns an: von der Schildkröte Berrie bis zum Hausrind Plüsch, dazwischen zahlreiche Hunde wie Möpse, Bassets oder Dalmatiner. Wauwau war nicht dabei.

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