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Kino : Sind Sie ein Abenteurer, Mister Dafoe?

  • -Aktualisiert am

„Der wahre Schauspieler ordnet sich unter”: Willem Dafoe Bild: F.A.Z.-Burkhard Neie

Hollywoodstar Willem Dafoe ist bekannt für bizarre, provozierende Außenseiterrollen. Im Interview spricht der Schauspieler über sein Gesicht, Schnaps zum Mittagessen und das Gefühl, Gott zu sehen.

          Sein drahtiger, trainierter Körper steckt in schwarzen Jeans und einem blauen, weit geöffneten Hemd: Sehr jugendlich wirkt Willem Dafoe bei unserem Gespräch in Locarno. Seine unkonventionellen Ansichten formuliert er langsam und bedächtig. Dabei öffnet er den breiten Mund häufig zu einem noch breiteren Lächeln - aber stets freundlich, nie diabolisch.

          Sie sind vor einiger Zeit fünfzig geworden und haben in den vergangenen Jahren mehrere Preise für Ihr Lebenswerk bekommen. Zeit für eine erste Bilanz?

          Um Himmels willen, nein! Erstens fühle ich mich, verdammt noch mal, überhaupt nicht wie Anfang fünfzig, und zweitens hasse ich es, zurückzuschauen. Wenn ich die Wahl meiner Rollen im Nachhinein analysieren müsste, würde ich verrückt werden. Jeder Schauspieler, der behauptet, er hätte die Kontrolle über seine Karriere, ist ein Lügner - das hängt von viel zu vielen Unsicherheitsfaktoren ab, die sich nicht steuern lassen. Jedes Mal, wenn mir jemand eine Liste mit den Filmen präsentiert, die ich gedreht habe, bin ich völlig baff und denke: Wie konnte das passieren? Es kommt mir so vor, als hätte ich gestern erst angefangen!

          Und wie haben Sie wirklich begonnen? Wann und warum haben Sie sich dazu entschlossen, Schauspieler zu werden?

          Das war keine bewusste Entscheidung. Ich stamme aus einem kleinen Kaff in Wisconsin und kam Mitte der siebziger Jahre nach New York. Als ich dort eine Theateraufführung der Wooster Group sah, war ich derart begeistert, dass ich mich der Truppe anschloss. Damals hätte ich aber nie gedacht, dass ich tatsächlich Karriere als Schauspieler machen und diesem experimentellen Ensemble fast dreißig Jahre lang treu bleiben würde. Als Teenager denkt man ja nicht weiter als bis zur nächsten Woche, und die Wooster Group war ohnehin so bettelarm, dass wir bei jeder neuen Produktion annahmen, das wäre unsere letzte. Doch dann sah mich jemand auf der Bühne und bot mir eine Rolle beim Film an - und so bin ich langsam in diesen Beruf hineingerutscht.

          Lange galten Sie als ungekrönter König der Film-Schurken. Hatten Sie Angst, ewig auf diesen Rollentypus festgelegt zu werden?

          Ja. Aber mit meinem Gesicht war ich nicht gerade für die klassischen Heldenfiguren prädestiniert. Also hat man mich erst einmal als Fiesling besetzt. Und nachdem ich damit Erfolg hatte, wollten mich die Filmstudios immer wieder in Bösewicht-Rollen. Ich habe schon früh versucht, dem entgegenzusteuern, indem ich in kleineren Filmen ganz andere Charaktere verkörpert habe - diese Streifen hat nur fast kein Mensch gesehen. So haben mich die meisten Kinofans als Bösewicht in Erinnerung, obwohl ich mindestens genauso viele Gutmenschen gespielt habe.

          Sie haben immer wieder ein Faible für bizarre, provozierende Außenseiterrollen in schrägen Filmen bewiesen. Sind Sie ein risikofreudiger Mensch?

          Nein, das würde ich nicht unbedingt sagen. Sicher, ich habe bei meiner Rollenwahl viele seltsame, leichtsinnige, karrierefeindliche Entscheidungen getroffen, doch dabei habe ich nie bewusst darüber nachgedacht, ob ich damit möglicherweise ein Risiko eingehe. Wissen Sie, was wirklich mutig wäre? Einen Part in einem Hollywoodfilm zu übernehmen, den man eigentlich ganz furchtbar findet. So etwas habe ich nie getan. Besonders risikofreudig bin ich also nicht, glaube ich. Allerdings würde ich mich durchaus als Abenteurer bezeichnen.

          Warum?

          Weil ich geradezu manisch nach neuen Herausforderungen suche. Ich drehe ungern im Studio, sondern viel lieber an fremden, exotischen Plätzen irgendwo auf der Welt, an denen ich noch nie zuvor war. Und jeder neue Film muss mir etwas komplett Neues bieten. Jedes Mal möchte ich möglichst wieder zum blutigen Anfänger werden und bei null beginnen: Wenn ich unsicher bin, mich instabil fühle und richtig Angst habe, dann ist das für mich der perfekte Ausgangspunkt. Dann kann etwas Interessantes entstehen. Wenn ich ein Drehbuch vollständig kapiere, wenn es keinen Raum für Geheimnisse mehr gibt, beschleicht mich hingegen das Gefühl, dass ich in diesem Film nichts zu suchen habe. Am liebsten sind mir Projekte, bei denen ich keinen blassen Schimmer habe, was das Ganze eigentlich soll - wie beispielsweise bei „In weiter Ferne, so nah!“ von Wim Wenders.

          Sie haben mit den berühmtesten Regisseuren der Welt gearbeitet, darunter Martin Scorsese, Oliver Stone, Alan Parker oder David Lynch. Suchen Sie Ihre Filme danach aus, wer sie inszeniert?

          Ja, das spielt für mich oft eine entscheidende Rolle. Die Bedeutung des Drehbuchs halte ich dagegen für ziemlich überschätzt. Ich vertraue eher guten Leuten als guten Drehbüchern. Denn eine starke Geschichte kann von einem schwachen Regisseur noch ruiniert werden - aber bei einem guten Filmemacher kann man wenigstens einigermaßen sicher sein, dass etwas Vernünftiges dabei herauskommt. Wenn ich einen Film sehe, der mich beeindruckt und inspiriert, dann möchte ich sofort mit dem Regisseur arbeiten. Ich fühle mich von starken Persönlichkeiten angezogen: von Filmemachern, die eine ganz eigene Handschrift haben. In deren Händen bin ich gern ein knetbares Geschöpf.

          Ist diese devote Haltung nicht längst out?

          Nein, ich schätze diese klassische Rollenverteilung. Ich finde, wenn sich Darsteller zu wichtig nehmen, verwandeln sie sich schnell in tanzende Hühner. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem Star und einem Schauspieler: Der Star versucht, sich ein Drehbuch zurechtzubiegen - der wahre Schauspieler hingegen ordnet sich der Geschichte unter. Das wissen Regisseure auch zu schätzen: Wer gute Ideen für die Inszenierung hat, will sich nicht mit nervigen, egozentrischen Filmstars herumschlagen. Umgekehrt arbeite ich natürlich auch nur ungern mit Zynikern, Karrieristen oder Langweilern, sondern vertraue mich lieber visionären, passionierten Filmemachern an - wie David Lynch, Martin Scorsese oder Lars von Trier.

          Lars von Trier gilt allerdings als ziemlich exzentrisch. Wie haben Sie ihn bei den Dreharbeiten zu „Manderley“ erlebt?

          Er fragte mich schon am Telefon, ob ich Alkohol vertragen würde, und ich sagte: „Ja, ein bisschen.“ Daraufhin meinte er: „Gut, denn bei uns gibt es zum Mittagessen immer Schnaps.“ Als ich am Set in der schwedischen Pampa ankam, sagte er: „Morgen, an unserem drehfreien Tag, würde ich mit dir gern über deine Rolle sprechen.“ Wir trafen uns um acht Uhr früh, es war März und dementsprechend eiskalt; er bat mich in seinen angeranzten VW-Bus, und wir fuhren zu einem See, bei dem das Eis gerade geschmolzen war. Er riss sich die Kleider vom Leib und sprang ins Wasser; ich tat es ihm nach und bekam fast einen Herzinfarkt. Dann fuhren wir zurück, und er sagte: „Okay, wir sehen uns morgen.“ Das war die ganze Besprechung!

          Ein paar Ihrer Kollegen haben sich bitter über ihn beschwert - sie finden, er hätte einen Knall, und wollen nie mehr mit ihm arbeiten . . .

          Ich würde liebend gern wieder mit ihm drehen. Er betreibt seinen Job mit großer Leidenschaft. Und mir gefällt es gerade, dass er ein bisschen unheimlich ist. Zugegeben, er hat ziemlich unkonventionelle Arbeitsmethoden, aber einen Knall? Nein. Also, wenn er einen Knall hat, dann wünschte ich, mehr Menschen hätten einen Knall!

          Bereiten Sie sich selbst auf Ihre Rollen nach einer bestimmten Arbeitsmethode vor? Unabhängig davon, ob Sie Jesus verkörpern (wie in „Die letzte Versuchung Christi“) oder den Leibhaftigen (wie in „Wild at Heart“)?

          Nein, ich gehe an jeden Film völlig anders heran. Bei „Die letzte Versuchung Christi“ kam es vor allem darauf an, mich von sämtlichen Erinnerungen an Jesus-Darstellungen zu befreien. Das ist mir nicht leichtgefallen. Die Vorbereitung auf „Wild at Heart“ war dagegen denkbar einfach: Ich habe die falschen Zähne eingesetzt, meine Haare zurückgekämmt, und - zack! - war ich in der Rolle. Manchmal ist ein Kostüm, ein Akzent oder eine Prothese schon der Schlüssel zu einer Bösewicht-Figur. Das gilt auch für mein irrsinniges Make-up in „Shadow of the Vampire“: So etwas hilft meinem Hirn sehr, mich in einen Dämon hineinzudenken.

          Welcher Teufel hat Sie denn geritten, in Schrottfilmen wie „Speed 2“ oder „xXx 2“ mitzuspielen?

          Ich will Ihnen nichts vormachen: Diese Filme sind gut bezahlt; mit dem verdienten Geld konnte ich beispielsweise die Existenz unserer Theatergruppe sichern. Meine Hauptmotivation dafür, solche Rollen anzunehmen, ist jedoch meine Abenteuerlust, mein Wunsch, immer wieder Dinge zu tun, die ich noch nie gemacht habe. Wie ein Sportler, der verschiedene Muskeln trainiert, möchte ich auch als Darsteller unterschiedliche Denk- und Arbeitsweisen ausprobieren und meine Werkzeuge mal anders einsetzen.

          Welches Ihrer Werkzeuge benutzen Sie denn am liebsten? Ihr Gesicht, Ihren Körper, Ihre Stimme?

          Mein Gesicht setze ich überhaupt nicht ein - das passiert mir sozusagen einfach. Meinen Körper bewege ich hingegen äußerst bewusst. Oft fühle ich mich gar nicht wie ein Schauspieler, sondern eher wie ein Tänzer. Aber auch die Arbeit mit meiner Stimme genieße ich sehr: Ich liebe es, mir eine bestimmte Sprechweise oder einen Akzent anzutrainieren. Und es macht mir sogar großen Spaß, Werbespots zu sprechen! Ich weiß, das klingt pervers - eigentlich müsste man sich ja schämen, den Dämon des Kommerzes zu füttern. Aber wissen Sie was? Als Schauspieler kann ich abstrahieren und mich im Tonstudio ganz auf die betreffenden Worte konzentrieren - und wenn ich anfange, mit ihnen zu spielen, um verschiedene Stimmungen zu erzeugen, dann löst das bei mir erstaunliche kreative Impulse aus. So kann mir ein simpler Werbeslogan für ein Auto durchaus eine echte emotionale Erfahrung bescheren! (lacht)

          Sie haben mal gesagt, Sie würden sich Ihre eigenen Filme nie anschauen. Wieso?

          Es gibt so viele Filme, die ich gerne sehen möchte - da halte ich mich lieber nicht mit meinen eigenen auf. Außerdem bin ich jedes Mal enttäuscht, wenn ich einen Film von mir sehe, denn ich finde die Dreharbeiten immer viel interessanter und aufregender als das Resultat. Anderthalb Stunden Film lassen sich zwar vielleicht durch Schnitt, Musik und Effekte aufmotzen - aber sie können nie mit den Abenteuern mithalten, die ich während der Monate am Set erlebt habe. Manchmal stoße ich im Fernsehen beim Zappen auf einen meiner Filme und denke: Meine Güte, damals habe ich Gott gesehen - und mehr ist dabei nicht herausgekommen?

          Hätten Sie Lust, selbst einmal Regie zu führen?

          Nein. Ich weiß zwar immer noch nicht genau, was ein Regisseur eigentlich tut, aber ich möchte das auf keinen Fall machen. Zu meinen Filmcharakteren habe ich nie irgendwelche eigenen Ideen. Und wenn in einer Filmszene eine Figur durch die Tür hereinkommen soll, dann will ich derjenige sein, der hereinkommt - und nicht etwa derjenige, der den Hereinkommenden filmt! Mag sein, dass das kindisch ist, doch ich muss einfach spielen, meinen Körper und meine Stimme einsetzen, nicht bloß beobachten, sondern die Erfahrung selber machen. Manchmal denke ich, dass ich ein miserabler Darsteller bin - aber ich weiß, dass ich eine Sache wirklich kann: mich einem Regisseur völlig hingeben. Da habe ich das Gefühl, nützlich zu sein.

          Geben Sie es zu: Sie wollen bloß keine Verantwortung übernehmen!

          Vielleicht haben Sie recht. Doch für mich liegt in dieser Hingabe eine große Kraft: Weil ich mir keine Gedanken machen und keine Entscheidungen treffen muss, kann ich meine ganze Energie dafür einsetzen, der Vision eines Filmemachers zu dienen - ein bisschen wie ein Leichtathlet, der sich nur darauf konzentriert, so schnell wie möglich von hier nach da zu laufen: Dieses Engagement, diese Konzentration auf eine einzige Sache finde ich wundervoll. Die einfachsten Dinge auf der Welt sind oft die schönsten!

          Zur Person

          Willem Dafoe wird am 22. Juli 1955 als zweitjüngstes von acht Kindern eines Chirurgen und einer Krankenschwester in Appleton/Wisconsin geboren.

          Nach zwei Semestern Theaterwissenschaft schließt er sich 1977 der avantgardistischen New Yorker Theatertruppe „The Wooster Group“ an, der er fast dreißig Jahre lang angehört. Die Leiterin des Ensembles, Elizabeth LeCompte, ist seine Lebensgefährtin. Im März 2005 heiratet er die zwanzig Jahre jüngere italienische Filmregisseurin Giada Colagrande.

          Sein Durchbruch als Filmschauspieler gelingt ihm 1986 als skrupulöser GI in Oliver Stones Vietnam-Drama „Platoon“. Der Charakterdarsteller verkörpert Jesus in Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“, den teuflischen Oberschurken Bobby Peru in David Lynchs Schocker „Wild at Heart“, einen übereifrigen FBI-Agenten in Alan Parkers Rassismus-Epos „Mississippi Burning“, einen zerrütteten Gang-Leader in Walter Hills „Straßen in Flammen“ und den superbösen „Grünen Kobold“ in Sam Raimis „Spider-Man“.

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