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Kaufhaus des Westens : Mehr Vegas, weniger Wilmersdorf

  • -Aktualisiert am

Imbisshalle des KaDeWe (1931) Bild: AP/KaDeWe, Berlin

Ausgerechnet im schwindsüchtigen Berlin hat das größte Kaufhaus des Kontinents überdauert. Die Feiern zum 100. Jubiläum des „KaDeWe“ sind paradox wie seine Geschichte.

          Wer dieser Tage das „KaDeWe“ betritt, das „Kaufhaus des Westens“ am Wittenbergplatz in Berlin, kann keinen Moment zweifeln, dass sich hier Bewegendes ankündigt. Gleich vorne, in der großen Halle, stehen auf hohen, schlanken Stelen Champagnerflaschen unter Glasstürzen, als seien sie Reliquien einer prähistorischen Hochkultur. Deutlicher lässt sich nicht signalisieren: wir feiern hier, wir lassen die Korken knallen, wir machen die Sause, aber bitte extra brut. Hundert Jahre alt wird das KaDeWe in diesem Jahr, und wer sich eine solche Gelegenheit zur Selbstinszenierung entgehen ließe, hätte in der Branche der konsumistischen Verführung nichts zu suchen. Am 1. März beginnen die Feiern, die sich bis in den Herbst hineinziehen sollen, und schon jetzt haben die Pressestellen ihre Jubellieder auf volle Lautstärke hochgefahren, die um die Themen Mythos und Masse kreisen, codiert in großen Zahlen: fünfzigtausend Besucher am Tag, sechzigtausend Quadratmeter Verkaufsfläche, 64 Aufzüge, 26 Rolltreppen, vierzehntausend Sprinklerdüsen.

          Es gehört freilich zu den großen Mysterien dieses traditionsreichen Hauses, wer all den bereitstehenden Champagner trinken soll. Denn an den musealisierten Flaschen vorbei schleichen, wie überall in Berlin, vornehmlich Leute, die eher nach „Rex Pils“ oder Fassbrause aussehen denn nach Dom Pérignon. Und während man in ihre müden Donnerstagsgesichter schaut, beginnt man unwillkürlich darüber nachzugrübeln, was für eine atemraubende Volte der Geschichte es doch eigentlich ist, dass das größte Kaufhaus des Kontinents just in Berlin überdauert hat. In München, Hamburg, Frankfurt, wo das Geld sitzt, wäre das weniger unwahrscheinlich gewesen. Aber in Berlin? Ausgerechnet in der schwindsüchtigen Kapitale, der so lange eingemauerten, gevierteilten, ihrer Eliten beraubten, deindustrialisierten, überschuldeten Hauptstadt?

          Walfisch auf dem Trockenen

          Ein sechs Stockwerke zählendes Hochregallager des Überflusses und der Moden in einer alles andere als kaufkräftigen Stadt, die zudem immer noch eine gewisse rebellische Verkommenheit als einzigen dresscode akzeptiert, ist im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit. Stünde dieses Fossil der großen Warenhaus-Ära in Wien, Rom oder Paris - geschenkt. Aber in Berlin wirkt dieser Dom der Dinge stets ein wenig wie ein Walfisch auf dem Trockenen, der nur dank einer skurrilen Laune der Natur prächtig überlebt und immer größer wird. Ebendeshalb aber wird das KaDeWe in Berlin so innig geliebt wie Harald Juhnke oder der Zoologische Garten, und so werden die Massen auch am kommenden Donnerstag, Schlag elf, zuverlässig herbeiströmen, um mitzuerleben, wie Klaus Wowereit höchstselbst zur Feier des kräftig vorgezogenen Jubiläums eine haushohe Geburtstagstorte anschneiden oder aufessen oder ihr vollsahnig entsteigen wird (die atemlosen Ankündigungen der PR-Abteilungen lassen da das Schönste erhoffen). Und hinterher werden die Berliner doch wieder nur in der Schlossstraße in Steglitz einkaufen gehen.

          In der Zigarrenabteilung (1928)

          Oder nicht? Kaufhäuser, die erfolgreichen jedenfalls, sind ja stets auch unglaublich feinfühlige Sensoren gewesen, hochsensible Resonanzräume des Zeitgeistes, den sie immerfort vorausahnen und befriedigen müssen. Vielleicht sind also die bauchigen Champagnerflaschen und all die neuinstallierten Designer-Shops im KaDeWe so etwas wie kräftige Ausschläge der kollektiven Gemütslage nach oben, ins Hellblaue, Sonnige, Kauflustige; zuverlässigere Indikatoren der Konjunkturbelebung als alle Börsenkurse und Arbeitsmarktdaten. Welch ein Präsent wäre das für das KaDeWe, das Land und den Erdkreis: Herzlichen Glückwunsch, altes Haus, der Aufschwung ist da!

          Zwischen Kristallvasen und Bettwäsche

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