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Judith Hermann und Fritzi Haberlandt : Gehen Sie zur Deutschstunde ins Kino, meine Damen?

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Ist es eher ein Verlust oder ein Gewinn, dass man auf ein Liebesabenteuer mit einem Jamaikaner, wie es die von Brigitte Hobmeier gespielte Figur in einer Episode des Films erlebt, nicht mehr rechnen kann?

Judith Hermann: Sowohl als auch. Ein Gewinn ist es, dass man, pathetisch ausgedrückt, den Wert der kleinen Dinge schätzen lernt, dass man erkennt, was man doch hat. Aber es gibt auch die Melancholie der Ankunft, wenn man begreift, dass eine Zeit des Suchens im Leben zu Ende ist. Das Ende des Filmes fängt das ein: Da entfernen sich Felix und Ellen in ihrem amerikanischen Mietauto von der Kamera, dann wird der Wagen langsamer, die Kamera kommt näher, bis sie ihn fast wieder erreicht hat, und dann fährt der Wagen wieder davon. Das ist vielleicht das Schönste, das man als Autor erleben kann - dass der Regisseur eigene Bilder findet für das, was man nur anzudeuten versucht hat.

Fritzi Haberlandt: Das ist oft das Problem bei Literaturverfilmungen: dass man diesen kleinen Dingen nicht auf die Spur kommt. Das ist hier doch ziemlich gelungen. Man hat Abstand zu dem Buch und zugleich eine Nähe zu den Gefühlen, die man beim Lesen hatte.

Deutsche Literaturverfilmungen haben immer etwas von einer Deutschstunde.

Judith Hermann: Ich schaue mir Verfilmungen von Büchern, die mir wichtig sind, nicht an. Ich möchte, dass die Geschichte in meinem Kopf in meinen Bildern bleibt. Bei Nichts als Gespenster mag auch leichter für mich gewesen sein, dass es im Film keinen Helden gibt, sondern zwei Dutzend gleichberechtigter Figuren.

Weil es nicht nur eine Geschichte ist, kann das Buch die Verfilmung leichter überleben.

Judith Hermann: Ja. Das würde ich mir wünschen.

Fritzi Haberlandt: Ich hätte wetten können, dass der Buddy aus der Titelgeschichte selbst ein Gespenst ist. Steht das so im Buch? Ich habe immer gedacht, wann kommt denn jetzt die Szene, wo die das Foto angucken und der nicht mit drauf ist. Ich hab' felsenfest geglaubt, ich hätte das im Drehbuch so gelesen, aber das war dann wohl meine Überhöhung.

Gibt es Geschichten, die Sie im Film vermissen?

Judith Hermann: Meine Lieblingsgeschichte, Die Liebe zu Ari Oskarsson, hätte ich gerne im Film gesehen, ja. Aber es gab eben zwei Geschichten, die im hohen Norden spielen, und Martin Gypkens hat sich für die andere entschieden. Es gibt das chinesische Sprichwort, dass man sich vor der Erfüllung seiner Wünsche hüten soll. Davon erzählt die Ari-Oskarsson-Geschichte: Eine junge Frau möchte eine Affäre haben, darf aber stattdessen unerwartet ein Nordlicht sehen. Für mich ist das ein kleiner, ganz wichtiger Augenblick, ein Initiationsmoment.

Finden Sie diese Momente auch im Film?

Judith Hermann: Für mich sind sie da. Aber ich bin wahrscheinlich die Letzte, die man fragen könnte, ob das ein guter Film ist. Bevor ich ihn das erste Mal im Kino sah, hatte ich weiche Knie. Danach hatte ich auch weiche Knie und ein bisschen Sehnsucht nach meinem eigenen Leben. Nach einer bestimmten Zeit, die jetzt vorbei ist. Das war schön.

Wenn Sie jetzt wieder was schreiben, mischt sich dann der Gedanke an eine mögliche Verfilmung hinein?

Judith Hermann: Hoffentlich nicht! Es mischt sich schon genug ins Schreiben hinein, es ist ohnehin schwer, den Schreibraum so leer wie möglich zu halten. Wenn ich mir jetzt noch Gedanken darüber machen müsste, ob mein Text verfilmbar wäre oder nicht, käme ich nie zum Schluss.

Hat es damit zu tun, dass Sie weniger Zeit zum Schreiben haben?

Judith Hermann: Nein. Seit letztem Jahr habe ich so viel Zeit zum Schreiben wie noch nie, weil mein Sohn jetzt in die Schule geht. Um acht Uhr bringe ich ihn in die Schule, um zehn nach acht sitze ich am Schreibtisch.

Bleiben Sie in Ihrem nächsten Buch bei der Form der Erzählung?

Judith Hermann: Das darf ich nicht sagen. Aus reinem Aberglauben nicht!

Dann lassen wir uns mal überraschen.

Fritzi Haberlandt: Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig.

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