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Judith Hermann und Fritzi Haberlandt : Gehen Sie zur Deutschstunde ins Kino, meine Damen?

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Judith Hermann: Auch der Schluss dieser Episode ist ja ein anderer als der im Buch. Ich war froh über diesen Schluss, er hat eine andere Dynamik und ein anderes Tempo, er macht viel früher und klarer einen Punkt.

Ein Buch kann man aus der Hand legen und morgen weiterlesen, ein Film muss in zwei Stunden alles Wichtige erzählen. Der kleine Junge, der in der Venedig-Episode am Ende steht, fehlt dafür als Motiv in der Amerika-Episode des Films. Stört Sie diese Art von Verschiebungen, von Eingriffen in den Text?

Judith Hermann: Wenn man die Geschichte einmal losgelassen hat und mit ihrer Verfilmung einverstanden ist, dann bedeutet das auch, dass die Figuren sich verselbständigen, dass sie ein eigenes Leben bekommen. Sie gehen in andere Richtungen, sie machen sich frei. Die Geschichte wird mir weggenommen - auf eine gute Art. (zu Fritzi Haberlandt:) Wie fanden denn deine Eltern den Film?

Fritzi Haberlandt: Sehr schön, was ich so gar nicht erwartet hätte, weil ich dachte, das ist zu weit weg. Meine Mutter fühlte sich total ertappt, dabei ist sie ganz anders als meine Filmmutter. Mutti, habe ich zu ihr gesagt, ich hab' nie an dich gedacht beim Drehen, wirklich nicht.

Judith Hermann: Die Frage nach dem Autobiographischen kommt oft, gerade bei dieser Geschichte. Ich schreibe aber immer am Autobiographischen entlang. Die Filmeltern haben mit meinen Eltern wirklich nicht das Geringste zu tun, trotzdem hatte ich als Zuschauerin eine gewisse töchterliche Zuneigung zu ihnen.

Die Eltern in der Venedig-Geschichte sind einerseits typische Achtundsechziger, andererseits sehr traditionell: der bildungsbeflissene Vater, die Mutter, die sich mitziehen lässt. Die Tochter läuft herum, als müsste sie beide mit auf ihren Schultern tragen. Ist das die Grundsituation einer ganzen Generation?

Fritzi Haberlandt: Es heißt ja, dass man so eine Phase der Rebellion, des Sichabstoßens braucht. Ich glaube aber nicht, dass ich das hatte.

Judith Hermann: Mein Verhältnis zu meinen Eltern hat sich sehr verändert, als ich ein Kind bekam. Die Venedig-Geschichte ist entstanden, als mein Sohn schon auf der Welt war. Da geht Schritt für Schritt das Universum der Sorgen vor einem auf, in dem die eigenen Eltern schon seit fünfunddreißig Jahren leben. Und gleichzeitig findet der Abschied von den Eltern statt.

Es gibt noch ein anderes generationentypisches Motiv in der Geschichte. Die Tochter reist den Eltern nach, sie ist nicht die Erste, die irgendwo hinkommt. Die Welt ist entdeckt, man reist immer in den Spuren von anderen.

Judith Hermann: In den Bildern und Spuren und Zitaten von anderen, ja. Trotzdem habe ich vor der Geburt meines Sohnes immer geglaubt, dass in der Ferne etwas passieren wird, das mein ganzes Leben aus den Angeln hebt. Irgendjemand wird da stehen, der mir alles abnehmen wird. Dieses Gefühl habe ich nicht mehr, seitdem mein Sohn auf der Welt ist. Und ich merke, dass das meine Reiselust extrem reduziert.

Fritzi Haberlandt: Du bist viel alleine gefahren.

Judith Hermann: Nein, ich bin immer zu zweit gefahren. Ich habe mich nie getraut, alleine zu reisen.

Fritzi Haberlandt: Ich hasse Reisen sowieso. Meine größten Reisen habe ich mit dem Theater gemacht, da musste ich immer irgendwohin für ein Gastspiel. Vorher habe ich mich verabschiedet, als wäre mein Leben jetzt zu Ende. Wahrscheinlich bin ich zu schwerfällig und pessimistisch.

Als Theaterschauspielerin spielen Sie fast nur Hauptrollen. Wie fühlt es sich an, im Film eine kleinere Rolle zu spielen?

Fritzi Haberlandt: Für mich sind das schon fast zwei Berufe. Oft ist mir der Theaterkörper irgendwie lieber als der Filmkörper. Im Film weiß ich manchmal nicht, wie ich stehen soll, was aus meinem Arm werden soll. Wie sitzt man denn ganz normal? Andererseits würde ich gern noch viel extremere Rollen spielen.

Zum Beispiel?

Fritzi Haberlandt: Ganz böse Menschen. Irgendwas Kratzbürstigeres, keine Sympathieträgerin.

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