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Interview : Was bedeuten Ihnen Plätzchen, Herr Mälzer?

Keine Angst, der will nur kochen: Tim Mälzer Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Tim Mälzer ist Deutschlands bekanntester Koch. Unter dem Panzer des vermeintlichen Proleten verbirgt sich der weiche Kern eines Traditionalisten: ein Gespräch über Backen als Schulfach, Hackfressen und Eva Herman.

          6 Min.

          Tim Mälzer ist Deutschlands bekanntester Koch - kein Chef mit blütenweißer Jacke, sondern ein Kumpel in Jeans und T-Shirt. Wie ein Rebell sieht Mälzer allerdings nur aus. Unter dem Panzer des vermeintlichen Proleten verbirgt sich der weiche Kern eines Traditionalisten, für den es ein Weihnachten ohne Plätzchen nicht geben kann.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Herr Mälzer, macht Backen glücklich?

          Absolut. Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten geht. Aber wenn ich Brot backe und es aus dem Ofen hole und die ganze Bude danach riecht, dann ist das großartig. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es einen Menschen gibt, der Frischgebackenes aus dem Ofen nicht toll findet. Plätzchen schmecken sogar, wenn es draußen so warm ist wie jetzt.

          Was bedeuten Ihnen Weihnachtsplätzchen?

          Mit den Plätzchen geht es mir wie mit einem Käsekuchen, mit dem ich eine ganz bestimmte Situation verbinde: Immer wenn ich einsam bin, backe ich mir diesen Käsekuchen und hole mir so das Gefühl von Zuhause zurück. Das ist jetzt für meine Art etwas triefend formuliert. Doch das Backen schafft Wärme, Emotionalität, und da gehören die Plätzchen ganz enorm dazu. Ich finde, das Schöne am Backen ist das Gemeinsame, sich zusammen in der Küche aufzuhalten, also das, was früher üblich war. Man trifft sich für ein, zwei Tage und backt die Kekse für die gesamte Adventszeit. So kenne ich das, so war das bei uns daheim.

          Backen macht scheinbar auch sentimental.

          Ja. Schauen Sie sich doch nur Kochbücher an. Immer wieder sieht man das Kind mit der Teigschüssel beim Abschlecken. Das ist ein Klischee, das jeder im Kopf hat und nach dem sich jeder sehnt. Puderzuckernäschen. Hardcore-Assoziationen. Selbst wer das früher nicht gehabt hat, sehnt sich danach, das ist wie kollektiv gefühlte Kindheit.

          Kann es Weihnachten ohne Plätzchen geben?

          Ich glaube nicht. Das steckt in den Genen. Da können die Meckerbüttel so lange meckern, wie sie wollen. Dieses Verlangen haben wir Menschen einfach in uns drin. Das ist so, wie ich als Mann eine Frau schön finde.

          Sind Plätzchen Aphrodisiaka?

          Nicht sexuell, auf andere Weise schon. Sie sorgen für Hochstimmung, Weihnachtsatmosphäre. Ich glaube eher, daß Gebäck emotional aphrodisierend ist. Nicht, daß ich da ans Poppen denke, eher ans Kuscheln. Schöne warme Wintersocken anziehen und einfach nur zusammen dasitzen.

          Welches Plätzchen würden Sie gerne kreieren?

          Das Plätzchen, das in einer halben Stunde fertig ist und sich zwei Monate lang hält.

          Sie denken praktisch!

          Immer.

          Finden Sie Plätzchenbacken spießig?

          Nein. Ich verstehe überhaupt nicht, warum das spießig sein sollte. So habe ich das nie erlebt. Alle meine Freunde und Bekannten haben vielleicht nicht selbst gebacken, es aber immer zu schätzen gewußt, daß die Mutter oder die Oma buk. Ich bin auch kein Weihnachtshasser. Mir gefällt, daß Weihnachten ein bißchen eine künstliche Situation ist, daß man sich besinnt, daß die Leute über die anderen nachdenken und Gutes tun. Ich finde es schön, daß wir so etwas noch haben. Früher war ich mal Miet-Weihnachtsmann, in der Abiturszeit, da habe ich gelernt, was Weihnachten den Leuten bedeutet. Und gerade die, die nicht so viel hatten, sind besonders herzlich miteinander umgegangen.

          Haben Plätzchen einen tieferen Sinn?

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