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Interview : War früher im Theater alles besser, Frau Lampe?

  • -Aktualisiert am

Denkt überhaupt nicht ans Aufhören: Jutta Lampe Bild: F.A.Z.-Illustration Burkhard Neie/xix

Diese Stimme! Jutta Lampe ist eine der bedeutendsten Bühnen- und Filmschauspielerinnen Deutschlands. Im Gespräch mit der F.A.Z. bei Tee und Keks in einer Berliner Altbauwohnung spricht die 63-Jährige über gute Regisseure, die Schaubühne und das Alter.

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          Müsste man Jutta Lampe mit einem Instrument vergleichen, wäre es wohl ein Stradivari-Cello. Denn samtiger, weicher, brillanter, klüger sprach und spielte auch an der Berliner Schaubühne niemand, wo sie in einem großen Ensemble zu den Größten zählte. Jetzt hat sie zum Gespräch in ihrer Berliner Altbauwohnung Tee serviert, und selbst wenn sie, den schmalen Körper grazil aufgerichtet, in einen Keks beißt, klingt es, als hätte der Himmel die Erde still geküsst.

          Frau Lampe, was ist ein guter Regisseur?

          Vor allem ein guter Spiegel. Den braucht man als Schauspieler, weil man sich ja selbst nicht sehen kann. Wenn dieser Spiegel nicht genau ist oder nicht offen für alle Eindrücke, erfährt man seine eigene Wirkung nicht. Dann kommt man sich wie ein Möbelstück vor, das sich auf Kommando dahin oder dorthin bewegen soll, und wird unsicher oder auch bockig. Durch die Arbeit mit Regisseuren wie Peter Stein, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy bin ich allerdings ganz anderes gewöhnt. Die wussten sehr wohl, was sie wollten, aber sie guckten erst mal mit größter Wachheit, liebevoll und kritisch, auf die Schauspieler und auf das, was von der Bühne herunterkam.

          Ist ein festes Ensemble die ideale Produktionsform für gutes Theater?

          Ja, denn nur so entsteht wirkliches Vertrauen zwischen allen Beteiligten. Vertrauen ist eine Sache der Kontinuität, es muss sich bilden und entwickeln können, man kann es nicht einfach behaupten. Und es gehört auch ein guter Intendant dazu, der sein Ensemble fordert und fördert. Manchmal sieht man kleine, gut eingespielte Gruppen, wie um die Regisseure Alvis Hermanis oder Simon McBurney. Da spüre ich, dass sie alle gemeinsam etwas wollen. Das macht ihre Aufführungen so stark. Ich bin ein unskeptischer und nicht misstrauischer Mensch, aber es geht auch bei mir nicht ohne die Sicherheit, dass sich in den Proben und den Aufführungen alle wirklich aufeinander verlassen können. Eine Theaterarbeit braucht so viel Pflege wie eine Blume, die wachsen soll. Das kann man nicht erzwingen, wie man Liebe auch nicht erzwingen kann.

          Man sieht Sie leider nur noch selten auf der Bühne. Trauen sich jüngere Regisseure nicht an Sie heran?

          Scheint so! Ich weiß noch, dass sich Luk Perceval 2003 vor seiner Inszenierung von Racines „Andromache“ an der Schaubühne vorsichtig erkundigt hat: Kann man denn mit der Lampe arbeiten? Ist die nicht furchtbar schwierig? Ich habe sehr lachen müssen - denn das bin ich wirklich nicht! Und so habe ich mich ganz und gar auf seine Arbeitsweise eingelassen, obwohl es mir anfangs nicht leichtgefallen ist. Gegen Ende der Proben hatte ich jedoch begriffen, was er meinte. Er sagte etwa: „Keine Psychologie und solche Sachen“, aber ich bin mit Stanislawski und dessen Methoden der Einfühlung aufgewachsen. Ich glaube übrigens, dass die heute so um die vierzigjährigen Theaterleute - vielleicht zu Recht - eine große Wut auf Künstler meiner Generation haben. Das hatte ich auf die großen Alten nie. Im Gegenteil, wir sind in die Aufführungen von Kortner oder Strehler geradezu gerannt. Und haben nie gesagt, das ist doch der letzte Mist.

          Sind Sie zu gut für junge Regisseure und machen ihnen Angst, weil Sie so viel können, wissen, wollen?

          Das weiß ich nicht. Jedenfalls ist es komisch, wenn Regisseure nicht erfreut sind, sobald ihnen ein Schauspieler viel anzubieten hat. Man kann dann ja darüber reden, es ändern, drosseln, erweitern. Aber es ist doch toll, wenn jemand viel kann.

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