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Integration : Freiheit, die ich meine

  • Aktualisiert am

Bild: Ralf König

Europa und Islam verwenden dieselben Begriffe, meinen aber unterschiedliche Dinge. Für gläubige Muslime etwa bedeutet Freiheit, den Vorschriften des Islam gehorchen zu dürfen. Die Soziologin Necla Kelek erklärt, warum dem Wertekonsens Grenzen gesetzt sind.

          Zurzeit leben etwa fünfzehn Millionen Menschen mit einem anderen als dem deutschen kulturellen Hindergrund in Deutschland, darunter etwa drei Millionen Muslime und von ihnen etwa 2,4 Millionen Menschen türkischer Herkunft. Arbeitsmigration war ein Prozess, der beiden Seiten, der deutschen Wirtschaft und den Migranten, Vorteile brachte, wenn auch die Bedingungen kompliziert waren und die Belastungen ungleich verteilt. Linke und grüne Politik sah und sieht die gewollte Zuwanderung unter anderem immer noch als Mittel der globalen sozialen Umverteilung. Migranten erscheinen als Opfer der internationalen Ausbeutung und sind deshalb zu schützen.

          Die Mehrzahl der Zu- und Einwanderer hat sich trotz alledem in die deutsche Gesellschaft integriert oder gar assimiliert. Die deutsche Gesellschaft hat - Fehler und Rückschläge eingerechnet - insgesamt eine große Integrationsleistung vollbracht. Griechen, Italiener oder Portugiesen kamen wie die Türken als Gastarbeiter nach Deutschland. Nicht alle Einwanderergruppen hatten die Neigung, sich in ihre Kultur zurückzuziehen und abzuschotten. Wenn wir von gescheiterter Integration sprechen, müssen wir differenzieren.

          Muslimische Enklaven

          Das mehrheitlich von Portugiesen bewohnte Viertel in der Nähe der Landungsbrücken am Hamburger Hafen zum Beispiel wird von niemandem als Parallelgesellschaft angesehen, obwohl sehr stark landsmannschaftlich geprägt. Mit seinen Gaststätten, der Musik, den Kultur- und Sportvereinen und der bilingualen Schule bereichert es die kulturelle Vielfalt der Stadt. Hier zeigt sich, dass man die kulturelle Identität bewahren und deutscher Staatsbürger sein kann. Ganz anders die muslimischen Enklaven Hamburg-Wilhelmsburg und Veddel oder bestimmte Viertel in Berlin, in denen Polizistinnen nicht auf Streife gehen, weil sie von den Männern nicht akzeptiert werden, oder in denen arabische Clans mit selbsternannten Friedensrichtern ihre Streitigkeiten untereinander schlichten. Die Menschen sehen sich als Muslim, Türke oder Araber; die eigene Kultur und Religion gibt ihnen Identität - in Abgrenzung zur Mehrheitskultur und nicht als deren Bereicherung.

          Bilderstrecke

          Wir können davon ausgehen, dass in den nächsten Jahren vor allem in den Großstädten etwa vierzig Prozent der Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund haben. Die aufnehmende Gesellschaft wird nicht auf Dauer die Mehrheitsgesellschaft sein, und wenn sie sich nicht heute auf Werte und Formen des Zusammenlebens verständigt und auch die Einwanderer davon überzeugt, dass die Werte dieser Gesellschaft das menschliche Miteinander zum Wohle des Einzelnen und aller zu regeln verstehen, dann wird unsere Demokratie Schaden nehmen und der gesellschaftliche Frieden gefährdet. Diese Gesellschaft wird sich in Gruppen und Parallelgesellschaften aufspalten. Im Moment will das, glaube ich, niemand.

          Freiheit nur für Männer

          In diesem Jahr bin ich vierzig Jahre in Deutschland. Die ersten zehn Jahre meines Lebens verbrachte ich in Istanbul und in einem Dorf in Anatolien. Mit neunzehn verließ ich mein Elternhaus, und seit 1994 bin ich deutsche Staatsbürgerin. Ich bin in zwei Kulturen zu Hause, in der türkisch-muslimischen Familie wurde ich sozialisiert, in der deutschen Gesellschaft ausgebildet, lernte den kritischen Blick und den interdisziplinären Diskurs. Für mich bedeutet „Freiheit“ etwas ganz Besonderes. Und auch etwas Neues, denn das, was das deutsche Wort bedeutet - „unabhängig sein“ -, ist in der türkisch-muslimischen Erziehung kein Wert. „Freiheit“ habe ich als Kind nur als etwas Fremdes, den Männern Vorbehaltenes kennengelernt. In der muslimisch-türkischen Gesellschaft wird das Kind nicht zum Individuum, zur selbständigen Person, sondern zum Sozialwesen erzogen, das vor allem zu gehorchen und der Familie, der Gemeinschaft, zu dienen hat. Insbesondere dann, wenn es ein Mädchen ist. Nicht das Individuum, sondern die Gemeinschaft ist in der türkischen, besonders aber in der muslimischen Kultur prägend. Das Kollektiv wird über das Individuum gestellt.

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