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Integration : Freiheit, die ich meine

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Ich selbst musste mir meine Freiheit nehmen, sonst hätte ich sie nicht bekommen. Ich war achtzehn Jahre alt, also volljährig und im letzten Ausbildungsjahr zur technischen Zeichnerin, als ich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit allen Mut zusammennahm, um - was ich lange beschlossen hatte - eine Bratwurst zu essen.

Bratwürste aßen nur die gavur, die Ungläubigen, denn sie bestehen meist aus Schweinefleisch - und Schweinefleisch ist haram, verboten. Ich bestellte also die Wurst und erwartete, dass mit dem ersten Biss sich entweder die Erde auftat und mich verschlang oder ich vom Blitz erschlagen wurde. Die Wurst war nicht besonders lecker, aber das Entscheidende war, dass - nichts geschah.

Schwarze Pädagogik

So harmlos sich diese Anekdote anhört, so exemplarisch ist sie für die Sozialisation vieler muslimischer Kinder. Sie werden vor allem mit Mitteln der „schwarzen Pädagogik“, also mit Angst und oft auch mit Gewalt, zu Sozialwesen erzogen, die der Gemeinschaft, sprich den Älteren, gehorsam zu sein haben. Was erlaubt und verboten, was rein und schmutzig ist, das ist genau definiert. Eine Erziehung zu Selbständigkeit und Selbstverantwortung ist nicht vorgesehen.

Freiheit, wie wir sie als selbstverständlich ansehen, macht vielen Frauen Angst. Sie wissen nicht, was es bedeutet, frei und unabhängig zu sein. Wem von Kindesbeinen an eingebleut wird, dass man zu gehorchen hat, und wer nichts anderes sieht als die eigenen vier Wände, der fürchtet sich irgendwann vor eigenen Entscheidungen, und sei es nur, im Wald spazieren oder allein zum Arzt zu gehen. Ich bin deshalb vehement dafür, dass Kinder, ganz gleich woher sie kommen, erst lernen, sich selbst auszuprobieren. Dass sie schwimmen, auf Berge klettern, in Museen und Theater gehen, dass man verhindert, dass sie „freiwillig“ ein Kopftuch aufsetzen, weil sie erst lernen müssen, unabhängig zu werden und selbständig zu denken.

Selbsterfahrung und Selbstständigkeit

Körperliche und geistige Autonomie ist neben einer guten Ausbildung die Voraussetzung für Freiheit. Ich möchte, dass alle Kinder möglichst früh, bereits im Kindergarten mit dieser Kultur der Selbsterfahrung und Selbstständigkeit in Berührung kommen. Sie lernen das nicht bei einer Mutter, die aus Anatolien kommt, kein Deutsch spricht und nichts von dieser Gesellschaft weiß. Im Grundgesetz ist die Erziehung das Privileg der Eltern, aber es gehört für mich auch zu ihrer Pflicht, dies im Sinne der Freiheit zu tun.

Im türkisch-muslimischen Wertekanon spielt der Begriff „Respekt“ eine große Rolle, ein weiteres Beispiel für Kulturdifferenz. Respekt vor dem Älteren, dem Stärkeren, vor der Religion, vor der Türkei, vor Vater, Onkel, Bruder. Wenn ein Abi, ein älterer Bruder, von Jüngeren oder Fremden „Respekt“ erwartet, fordert er eine Demutsgeste ein, die absolute Orientierung auf den hierarchisch Höherstehenden, auf ein patriarchalisches System.

Unterwerfung und Hingabe

Respekt bedeutet deshalb nichts anderes als Unterwerfung - wie auch das Wort „Islam“. Auch „Islam“ bedeutet im Wortsinn Unterwerfung und Hingabe. „Respekt haben“ bedeutet, die gegebenen Machtverhältnisse anzuerkennen, folglich auch das Prinzip dieser Religion zu akzeptieren. Seine Meinung zu sagen ist für ein Mädchen gegenüber einer Älteren oder gar gegenüber einem Mann undenkbar. Die Unterordnung der Frauen in Frage zu stellen ist undenkbar. Ich habe beobachtet, dass Söhne im Alter von vielleicht 12 Jahren mit ihren Müttern zum Einkaufen gingen und das Portemonnaie in der Hand hielten und zahlten, weil der Junge während der Abwesenheit des Vaters als ältester Mann im Haus das Sagen hat. Die Hierarchie ergibt sich nicht aus einer natürlichen Autorität, sondern wird über Alter und Geschlecht definiert, und dies ist gottgegeben.

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