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Im Gespräch: Tony Gatlif : Was ist Freiheit, Monsieur Gatlif?

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Tony Gatlif, wie Burkhard Neie ihn sieht Bild: Burkhard Neie

Im Paris feiert ein überfüllter Saal „Liberté“, den neuen Film des Regisseurs und Cannes-Preisträgers Tony Gatlif. Der ist ein Mann mit einem so zerfurchten und zerbeulten Gesicht, als habe er das Schicksal des ganzen Zigeunervolkes auf seinen Schultern getragen.

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          Im Paris feiert ein überfüllter Saal „Liberté“, den neuen Film des Regisseurs Tony Gatlif. Der ist ein Mann mit einem so zerfurchten und zerbeulten Gesicht, als habe er das Schicksal des ganzen Zigeunervolkes auf seinen Schultern getragen.

          Als Ihr Film „Liberté“ abgelaufen war und das Licht hier im „Mémorial de la Shoah“ wieder anging, rief jemand aus dem Publikum: „Auf diesen Film haben wir vierzig Jahre gewartet!“ An diesem speziellen Ort die Frage: Sind Roma und Juden Schicksalsgenossen?

          In ganz besonderer Weise. Beide Gesellschaftsgruppen wurden über Jahrhunderte diskriminiert und verfolgt. Vor siebzig Jahren bedeutete die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen, mitten in Frankreich, fast automatisch den Tod. Die „Zigeuner-Politik“ in Deutschland und Frankreich hatte seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts den Genozid angekündigt, sie war eine Art Testlauf für die Staatsbürokratien Europas, ein Modell, das man danach in Deutschland und im Vichy-Regime für die Ausgrenzung und vor allem die Deklarierung dieser Bevölkerungsgruppen übernommen hat. Eine jüdische Historikerin und Roma-Expertin, die mich bei den Dreharbeiten beriet, sagte zu mir: Meine Leute wurden von den Nazis nicht ermordet, weil sie Juden waren, sondern weil man sie als Juden deklariert hat. Das heißt, die deutschen Juden waren Deutsche, die tsiganes in Frankreich waren Franzosen - seit dem Mittelalter. Für mich als französicher Regisseur war der Film ein Risiko, denn er rührt an Dinge, die keiner hören oder gar sehen mag. Und er stellt zwangsläufig Parallelen zur Gegenwart her.

          Tony Gatlif bei der Cesar-Verleihung im Februar dieses Jahres

          Ihr Film zeigt das Schicksal einer Familie von Tsiganes, in Frankreich auch Bohémiens oder Manouches genannt, die 1943 während der deutschen Besatzung zu Erntearbeiten in ein kleines französisches Dorf kommt. Sie entgeht der von den Nazis angeordneten Internierung und Deportation zunächst, weil ihr der Bürgermeister des Dorfes, ein Gerechter, wie Sie ihn nennen, einen Teil seines eigenen Besitzes überschreibt: die Ruine eines ehemaligen Bauernhofs, umgeben von hohen Steinmauern. Nach französischem Recht, das auch zur Zeit des Vichy-Regimes galt, waren die Besitzer einer Immobilie automatisch freie, rechtschaffene Bürger.

          So ist es. Der Bürgermeister Théodore befreit die Familie mit diesem zunächst rein bürokratischen Akt. In der wahren Geschichte, die mein Film ja nacherzählt, war sie zuvor von einem Kollaborateur denunziert und in eines der dreißig französischen Auffanglager gesperrt worden. Das Stück Papier, das sie zu Grundbesitzern macht, befreit sie aus der Lagerhaft - der sich zwangsläufig die Deportation angeschlossen hätte. Doch die Manouches können mit dieser Freiheit nichts anfangen. Sie fürchten sich vor den Mauern aus Stein, vor den dunklen Kellern und Scheunen. Eines Nachts spannen sie die Maulesel an, steigen auf ihre bunten Wagen und reißen aus. An der Grenze nach Belgien werden sie gestellt, inhaftiert und später deportiert. Ihr Schicksal, ihr Tod, ist besiegelt, das weiß der Zuschauer am Ende des Films, ohne es zu sehen. Die Freiheit, die ihnen der bewundernswerte Bürgermeister verschafft hat, ist nicht die der Tsiganes. Es ist ihnen nicht klar, dass sie in den Tod gehen, indem sie das Haus aus Stein verlassen. Aber dieses Symbol von Sesshaftigkeit und Konvention ist ihnen nicht geheuer.

          Was ist denn dann die Freiheit, wenn es nicht die des freien Bürgers und Grundbesitzers ist?

          Die Freiheit ist das Gegenteil dessen, was die Franzosen in die Mauern ihrer öffentlichen Gebäude meißeln. In dem Moment, in dem die Freiheit in ein Gesetz geschrieben wird, ist sie schon keine mehr. „Liberté, Égalité, Fraternité“ - die Devise der Französischen Revolution und später auch die der Republik Frankreich -, das ist nicht die Art von Freiheit, die das fahrende Volk gewählt hätte.

          Wie steht es mit Rosa Luxemburgs Formel: „Die Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden“?

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