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Im Gespräch: Ray Kurzweil : Werden wir ewig leben, Mister Kurzweil?

  • -Aktualisiert am

„Der Tod raubt uns die Liebe”: Ray Kurzweil Bild: Burkhard Neie

Wir werden unsere Hirne vernetzen wie Computer: Der Schriftsteller und Erfinder Ray Kurzweil über artifizielle Intelligenz, die Hardware des Todes und die täglich zweihundert Pillen, mit denen er das Altern aufhalten möchte.

          Ray Kurzweil ist klein und sehr freundlich. Für das Gespräch in seinem Büro in einem Vorort von Boston nimmt er sich so viel Zeit, als habe er unendlich viel davon. Neben uns, auf seinem Schreibtisch, stehen die gesammelten Abenteuer des Science-Fiction-Helden Tom Swift Jr., die er als Junge verschlungen hat.

          Ovid beendete seine „Metamorphosen“ mit den Versen: „Die Menschen werden mich lesen, und im Gedächtnis aller Zeiten / Werde ich . . . leben.“ Wie klingt das für Sie?

          Bis vor kurzem hatten wir keine Möglichkeit, die scheinbare Zwangsläufigkeit von körperlichem Verfall und Tod aufzuheben. Unser Bewusstsein kommt uns jedoch nicht vergänglich vor, sondern scheint dauerhaft. Trotzdem müssen wir beobachten, dass Menschen sterben. Also haben wir verschiedene Theorien entwickelt, warum sie, auch wenn ihr Leben zeitlich begrenzt scheint, in Wahrheit ewig leben: durch Wiedergeburt, in einem ewigen Leben im Himmel oder im Gedächtnis der Nachfahren. Und wir erdenken philosophische Gründe, warum der Tod etwas Positives und Befreiendes ist und es nicht gut wäre, das Leben ins Unendliche zu verlängern.

          Die Verdrängung der Tatsache, dass der Tod eine unermesslich schreckenerregende Vorstellung ist - ganz zu schweigen von dem Leiden, das damit einhergeht -, ist weit verbreitet. Wir hängen an unseren Rationalisierungen, die es uns erlauben, im Angesicht der heraufziehenden Tragödie weiterzumachen. Solange wir keine Alternative hatten, war das vernünftig. Heute haben wir allerdings eine Alternative. Auch wenn wir die nötigen Mittel noch nicht zur Hand haben, besitzen wir doch das Wissen, wie wir bis zu dem Zeitpunkt leben können, an dem sie zur Verfügung stehen werden. Mit dem heutigen Wissen können selbst Angehörige meiner Generation in fünfzehn Jahren noch bei guter Verfassung sein. Dann wird es möglich sein, unser biologisches Programm durch Biotechnologie zu modifizieren, was uns lange genug leben lassen wird, bis uns die Nanotechnologie befähigt, ewig zu leben.

          War die Angst vor dem Tod der Ausgangspunkt Ihrer Arbeit?

          Nein. Mein Denken besitzt zwei Ursprünge. Ich bin Erfinder, und meine Produkte sollen das richtige timing haben. Die meisten Erfinder scheitern nicht, weil ihre Ideen schlecht sind, sondern weil ihr timing falsch ist. Deshalb untersuchte ich technologische Trends und sah, dass die Entwicklungen der Rechnerleistung und der Leistungsfähigkeit von Kommunikationstechnologien vorhersagbar ist. Ich arbeite heute mit zehn Leuten, die Daten aus verschiedenen Feldern zusammentragen, anhand deren wir mathematische Modelle entwickeln. Diese ermöglichen uns genaue Prognosen. Auf diese Weise haben wir zuletzt eine taschenformatgroße Lesemaschine für Blinde entwickelt.

          2002 errechneten wir, dass die dafür benötigte Technik 2006 - in der richtigen Größe, mit der richtigen Leistungsstärke und zum richtigen Preis - zur Verfügung stehen würde. Also begannen wir die Entwicklung 2002, um 2006 mit dem Produkt fertig zu sein. Mit denselben mathematischen Modellen kann man nun nicht nur fünf oder zehn, sondern zwanzig, dreißig Jahre vorausschauen. Wegen der explosiven Natur der exponentiellen Beschleunigung technischer Entwicklung und weil Informationstechnologien dieser Beschleunigung unterliegen, kam ich zu dem Schluss, dass 2045 die Singularität stattfinden wird: das Ereignis also, hinter das wir von heute nicht weiter in die Zukunft schauen können, da dann artifizielle Intelligenz die menschliche überholen wird.

          Sie erwähnten einen zweiten Urspung . . .

          Der liegt darin, dass ich an Diabetes Typ II erkrankte, als ich fünfunddreißig war. Die herkömmliche Herangehensweise machte es schlimmer. Also ging ich das Problem als Ingenieur und Wissenschaftler an. Ich sammelte Informationen und heilte so mein Diabetes durch Nahrungsergänzungsmittel und Umstellungen im Lebensstil; heute bin ich völlig symptomfrei. Damals begriff ich, dass man Gesundheitsprobleme mit der richtigen Kombination von Ideen überwinden kann. Und wenn es mit Diabetes möglich ist, dann kann man, zumindest ich, das mit jeder Krankheit tun.

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