https://www.faz.net/-gqz-104gc

Im Gespräch: Luigi Colani : Sind Sie ein Kurvenstar, Herr Colani?

  • -Aktualisiert am

Stadtauto: Colanis gelbes Ei Bild: picture-alliance/ dpa

Von der Zahnbürste über den Toilettensitz bis hin zu Flugzeugen hat Luigi Colani fast alles gestaltet. An diesem Samstag wird der Designer, der diesen Begriff hasst, achtzig. Ein Gespräch über Spinnereien, seine Arbeit mit Knete und die Überlegenheit des Geistes gegenüber dem Computer.

          7 Min.

          In einem Vorort von Karlsruhe hat Luigi Colani eines seiner vielen Ateliers. Muster liegen herum: Flugzeuge, Schiffe, Autos, Feuerzeuge. Der „beste lebende Designer“, wie er sich selbst nennt, wird am heutigen Samstag achtzig Jahre alt. Wie immer ist er ganz in Weiß gekleidet, schwarz wallen Mähne und Schnurrbart. Mal redet er laut, gestikuliert wild, dann wieder wird er sehr ruhig und nachdenklich. Luigi Colani überlegt genau, was er sagt. Vor allem, wenn er provoziert - was nicht selten vorkommt.

          Herr Colani, Sie sind jetzt achtzig Jahre alt. Müssen Sie da immer noch die großen, starken Worte in den Mund nehmen?

          Warum soll ich die Dinge nicht beim Namen nennen? In meiner Familie werden übrigens alle so alt. Da kommt noch was auf Sie zu.

          Stadtauto: Colanis gelbes Ei Bilderstrecke

          Ihr Vater war Filmarchitekt. Hat er Sie oft zur Arbeit mitgenommen?

          Ja, und ich habe das Handwerk der Stukkateure bewundert und von der Pike auf gelernt. Ich habe auch nie Design studiert, ich fing an mit Bildhauerei. Und dann bin ich gleich in die Höchsttechnologie der Aerodynamik eingestiegen. Bis hin zu Mach-24-Gasdissoziation, wo Gasmoleküle gespalten werden. Die Nasa berate ich ja heute noch darin. Ich bin sehr eigenartig erzogen worden, ich hatte nie Spielzeug, aber die wahnsinnigste Bastelkammer, die man sich überhaupt nur vorstellen kann: Da war alles drin! Und ich war mit fünf Jahren schon ein begnadeter kleiner Bildhauer. Deshalb habe ich es an der Kunstakademie nur vier Semester lang ausgehalten. Dann konnte mein Professor in der Bildhauerei mir nichts mehr beibringen!

          Sie hassen den Begriff Designer und nennen sich selbst einen „Form- oder 3D-Philosophen“. Wo ist der Unterschied?

          Wenn ich für die Nasa Flugzeuge entwerfe und sie konstruiere, dann bin ich ein Aircraft-Designer, das heißt: ein Konstrukteur. Derjenige, der die Außenform macht, ist ein Stylist. Voilà la différence! Wenn man den Begriff ins Deutsche übernimmt, hat es nichts mehr mit der Konstruktion zu tun, sondern bedeutet Styling im besten Sinne. Und weil ich meist in englischsprechenden, internationalen Regionen arbeite, habe ich mir dieses Wort abgewöhnt. Design war mir in seinem deutschen Sinn auch nicht korrekt genug. Ich beschäftige mich mit der gesamten formalen, dreidimensionalen Umwelt, daher kommt dieses vielleicht ein bisschen anmaßend klingende Wort 3D-Philosoph. Es trifft in der Essenz der Dinge aber genau auf das zu, was ich tue.

          Warum muss bei Ihnen eigentlich alles rund sein?

          Zunächst einmal wegen der Astrophysik: Wir leben auf einem runden Erdkörper. Es fliegt nicht ein einziger Koffer da oben herum, der eckig ist. Sämtliche Planeten sind mehr oder weniger rund. Rotationssymmetrie bestimmt alles dort oben. Selbst das Weltall ist ein rundes Gerät, von dem wir noch gar nicht wissen, wie es aussieht! Aber es explodiert unter unseren Füßen weg, so dass wir es nie wissen werden. Die zweite Erklärung lautet: Meine Vorfahren kommen nicht aus der Schweiz, sondern aus Kurdistan, väterlicherseits aus dem Norden des Irak. Dort gibt es einen Stamm, der gholani heißt. Aber das ist eine rein phonetische Geschichte, sie nennen sich Colani. Ich war sehr verblüfft, als ich sie einmal besuchte: Da habe ich mir einen Turban aufgesetzt, eine Kalaschnikow in die Knie gelegt - und sah aus wie diese Typen da! Ich war ganz erstaunt und erleichtert zu wissen, woher meine runde Formsprache kommt: Der Orient verbietet sich, das menschliche Antlitz darzustellen, von Allah oder von Gott, und hat sich in die Ornamentik, in die Arabeske geflüchtet. Das ist in meinem Blut vorhanden. Meine Formen sind arabesk im besten Sinne des Wortes. Und daher rund.

          Von der Zahnbürste über den Toilettensitz bis hin zu Flugzeugen und Frachtschiffen haben Sie fast alles gestaltet. Laufen Sie durch Ihre Umwelt, sehen etwas, was Ihnen nicht gefällt, und machen sich daran, es zu ändern?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.