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Im Gespräch: Klaus Doldinger : Ist die „Tatort“-Melodie ein Fluch, Herr Doldinger?

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Mir ist das nie widerfahren, dass ich eines meiner Werke wegen seines Erfolges als Fluch hätte empfinden müssen. Die „Tatort“-Titelmelodie habe ich seinerzeit komponiert, produziert, aufgenommen, habe dann aber erst zwanzig Jahre später auf Anregung der Band ein Arrangement daraus gemacht, das wir auch auf der Bühne präsentieren. Seitdem spielen wir es hin und wieder als Zugabe. Es ist also eher ein Segen. Menschen, die in ein Jazzkonzert gehen, möchten auch Stücke hören, die sie kennen und nachvollziehen können. „Tatort“ oder auch „Das Boot“ in einer jazzmäßigen Version zu hören ist eine Bereicherung für unsere Konzerte. Nicht vielen Kolleginnen und Kollegen war es vergönnt, so etwas Einprägsames zu schreiben.

Beim „Tatort“ ist es ja wohl eher ein Auftrag für das allgemeine Genre Kriminalfilm gewesen. Beim „Boot“ mussten Sie doch deutlicher auf das Sujet und die Szenen des Films eingehen. Ist die Musik gleichzeitig mit den Filmbildern entstanden?

Wolfgang Petersen hat mir mit ziemlicher Ausdruckskraft von dieser Unterwasserszenerie und dem geheimnisvollen Boot erzählt, das wie ein Lebewesen immer aus dem Wasser aufsteigt. Ich hatte den Roman von Lothar Günther Buchheim gelesen und habe dazu einen Entwurf gemacht. Es hat gar keine alternativen Vorschläge geben müssen, sondern genau dieser erste Einfall war der richtige, wie im Übrigen auch beim „Tatort“. Heutzutage ist es ja oft so, dass bei Großprojekten viele Leute angesprochen werden und bis zu zwanzig unterschiedliche Versionen entstehen. Bei mir hat es immer nur eine Version gegeben.

Wenn man jetzt Ihre neue Platte mit dieser Version anhört, kommen einem sofort wieder Bilder von „Das Boot“ in den Sinn. Es gibt unglaublich suggestive musikalische Signale, die eigentlich die Gesamtstimmung wie in einem Nukleus zusammenfassen.

Das ist natürlich erst später entstanden, als die Bilder vorlagen. Ich sprach jetzt eigentlich nur von der reinen Melodie auf dem Klavier, mit einer Bassstimme und ein paar Akkorden. Dass die Feinarbeit, die Form und der Sound des Ganzen, das Arrangement von musikalischen Effekten erst entstehen kann, wenn der Film vorliegt, ist klar.

Sie sind vermutlich der erfolgreichste Jazzmusiker Deutschlands. Aber Erfolg ist ja nicht gleichbedeutend mit Ansehen. Gerade im Jazz gilt Erfolg fast schon als etwas Anrüchiges. Hat es Sie geärgert, dass über Ihre Musik vielfach solche Gedanken geäußert worden sind?

Man könnte das eine wie das andere sagen, ich wurde einerseits zu sehr geschmäht, andererseits zu hoch gelobt. Aber ich mache mir nichts daraus. Ich bin glücklich, dass ich reichlich Anerkennung gefunden habe, mehr wahrscheinlich als die meisten anderen. Es ist ja immer nur für den Moment. Für mich zählt nur, wenn ich auf der Bühne stehe und spiele. Das ist die Stunde der Wahrheit. Wenn ich dann nach dem Konzert frohgemut mein Saxophon einpacke und sage, das war ein guter Abend, dann ist für mich das genug.

Ganz am Anfang hat ein damals völlig unbekannter Musiker bei „Passport“ Schlagzeug gespielt: Udo Lindenberg. Haben Sie damals erkannt, dass in diesem Musiker mehr steckt als ein Trommler?

Ende der sechziger Jahre stieg mein Schlagzeuger Cees See aus dem Quartett aus und landete im Free Jazz. Ich brauchte also einen neuen Schlagzeuger. Da rief mich Michael Naura an und sagte, da gibt's so einen Typen aus Gronau, der tingelt hier in Hamburg, hör dir den doch mal an. Nachdem ich ihn angerufen hatte, kam Udo dann morgens in einem zerbeulten R4 an, hat mir etwas auf unserem Sofa vorgetrommelt, dann haben wir uns unterhalten, und mir war sofort klar, da ist was ganz Besonderes an dem Jungen. Da er dann bei Passport kein einziges Mal gesungen hat, ist mir natürlich nie der Gedanke gekommen, er könnte seinen Weg einmal als Sänger machen. Aber dass da ein besonderes Talent heranwuchs, war offensichtlich.

Wann setzt Ihnen Ihre Heimatstadt Icking ein Denkmal? Eigentlich müsste doch am Ortseingang ein Schild hängen: Icking, Home of Klaus Doldinger?

Das wäre dann doch etwas peinlich. Übrigens ist der Ort schon prominent. Hier wurde mal die Krimi-Serie „Der Bulle von Tölz“ gedreht.

Klaus Doldinger wird am 12. Mai 1936 in Berlin geboren und gilt als der erfolgreichste Jazzmusiker Deutschlands .

Seine musikalische Karriere beginnt er 1952 als Klarinettist mit der Gründung der Dixielandband The Feetwarmers in Düsseldorf . Später wendet er sich als Tenorsaxophonist mit einem Quartett moderneren Richtungen zu, bis er 1971 mit der heute noch existierenden Band Passport zur Fusion von Jazz und Rock findet.

Einer breiteren Öffentlichkeit wird Doldinger mit Musik bekannt, die über den Jazz hinausgeht. Er ist der Komponist der „Tatort“-Titelmelodie , schreibt die Filmmusik zu Wolfgang Petersens „ Das Boot“ und arbeitet mit Regisseuren wie Volker Schlöndorff , Klaus Lemke und Hans W. Geissendörfer zusammen.

Zu seinem 75. Geburtstag erscheinen jetzt zwei neue Aufnahmen: „Inner Blue“" mit seiner Band Passport sowie „Symphonic Project“ , unter anderem mit Arrangements seiner wichtigsten Filmmusiken.

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