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Im Gespräch: Klaus Doldinger : Ist die „Tatort“-Melodie ein Fluch, Herr Doldinger?

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Zu keinem Zeitpunkt bin ich zu irgendetwas genötigt worden. Das Einzige, was Siggi Loch machte, war, Platten mitzubringen und zu sagen, hör dir doch mal dieses oder jenes an. Ich habe dann ja auch unter Pseudonym viele Pop-Aufnahmen gemacht.

Als Paul Nero?

Ja. Detroit Soul. Da hätte ich auch nein sagen können. Ich habe bei Esther und Abi Ofarim auf ihrer letzten gemeinsamen Platte einen Teil mitarrangiert, bei Esthers Soloalbum ebenfalls. Es gab immer wieder interessante Projekte, die mir angeboten wurden. Bei mir hat sich das Komponieren aus Aufträgen entwickelt. Einer der ersten war für ein Pantomimen-Ensemble aus der Marcel-Marceau-Schule. Dann sollte ich für eine Trickfilmserie Musik machen. Ich hatte nie bewusst vorgehabt, Filmkomponist zu werden. Der Auslöser war wohl, dass ich als Musiker eine Reihe von Leuten überzeugt habe, die dachten, wer so improvisieren kann, der muss auch komponieren können. Der erste aus der Filmbranche war Will Tremper, durch den ich dann Volker Schlöndorff kennengelernt habe.

Wie würden Sie sich selbst als Komponist einschätzen: als Songschreiber, als Arrangeur oder Klangtüftler?

Es liegt mir, ein Motiv, eine charakteristische Melodie zu erfinden. Darauf kommt es ja auch an. Es nützt nichts, etwas zu schreiben, was so alltäglich klingt, dass es ins Ohr rein- und gleich wieder rausgeht und niemand sich daran erinnern kann. Ich bin nicht der geborene Arrangeur. Von der bildenden Kunst habe ich vermittelt bekommen, wie wichtig es ist, eine persönliche Handschrift zu haben. Wenn man als Instrumentalist des Jazz große Vorbilder hat, in meinem Fall war es Sidney Bechet, später Lester Young, dann Sonny Rollins, kommt man natürlich schnell in gefährlich epigonales Fahrwasser. Aber man muss versuchen, den eigenen Weg zu finden, über eine persönliche Ausdrucksskala und melodische Einfälle. Ich wollte nie der schnellste Improvisator aller Zeiten werden.

Hätten Sie in Amerika eine noch größere Karriere machen können?

Das wage ich zu bezweifeln. Vielleicht hätte ich mehr Geld verdient. Für ein Kind der Nachkriegszeit war Amerika gleichbedeutend mit den Traumbildern aus Hollywood. Die erste Ernüchterung kam bei unserem ersten Aufenthalt in den Vereinigten Staaten schon 1960. Das war eine ganz andere Welt als die, die man sich eingebildet hatte. Am Times Square von einem gut gekleideten Mann mit Krawatte um Geld angebettelt zu werden war schon sehr bedrückend. Oder dass unsere Gastgeber in New Orleans verhindern wollten, dass wir bei schwarzen Musikern einsteigen. Viele Dinge haben mich befremdet und mir gesagt, dass es kein Platz für mich zum Leben sei.

Meinen Sie, dass Deutschland im Vergleich zu Amerika für Jazz ein Schlaraffenland ist?

Ja, im Vergleich zu jedem anderen Land. In Deutschland gibt es so unglaublich viele kleine, mittlere, große Orte, an denen man Konzerte spielen kann, in Clubs sowieso, aber auch in ansehnlichen Konzerthallen. Und es gibt hier so viele Menschen, die dafür sorgen, dass ein Kulturleben gepflegt wird, dass Veranstaltungen stattfinden. Das ist für mich immer ein Grund gewesen, Deutschland nicht zu verlassen.

Der deutsche Komponist Carl Maria von Weber hat einmal gesagt, sein „Freischütz“ sei ein Segen und ein Fluch gewesen, weil durch seinen Erfolg alles andere verdrängt worden sei. Wie ist das bei Ihnen? Sind Sie der Mann, der die Musik zum „Tatort“ komponiert hat?

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