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Im Gespräch: June Newton : Wie agieren Frauen hinter der Kamera?

  • -Aktualisiert am

„Die Tür geht auf, der Vorhang hat sich gehoben”: June Newton war es lieber, Menschen zu fotografieren, die sie noch nicht kannte Bild: Burkhard Neie/xix

Bekannt ist die Ehefrau von Helmut Newton unter einem anderen Namen: Alice Springs. An ihrem Wohnsitz in Monte Carlo lässt sich die Fotografin zu einem Werk befragen, das von Yves Saint Laurent bis zu den Hells Angels reicht. Sie antwortet knapp und präzise.

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          Sie sind als Fotografin von Anfang an nicht als die Frau Helmut Newtons, sondern unter dem Künstlernamen Alice Springs aufgetreten. War er für Sie befreiend oder gar beflügelnd?

          Weder befreiend noch beflügelnd, aber es gefiel Helmut so. Jean Seberg war mit ihrem Freund zum Abendessen bei uns, und ich hatte gerade vom Art Director des nicht mehr existierenden Männermagazins „Adam“ gehört, dass sie Fotos publizieren wollten, die ich auf einer Kopenhagener Werft von tätowierten Matrosen geschossen hatte. Helmut wollte wissen, welchen Namen ich für den Bildnachweis zu benutzen plante. Ich wusste es nicht, bis Jeans spanischer Freund Riccardo mich um einen Atlas bat. Er schlug die Landkarte Australiens auf, verlangte nach einer Nadel und bat mich, sie mit geschlossenen Augen fallen zu lassen. Sie fiel auf Alice Springs.

          In Ihrer Autobiographie „Mrs Newton“ erzählen Sie, dass eine Freundin der Familie Ihnen als Kind die Zukunft aus dem Tee las: Sie würden ein Leben lang von Kameras umringt sein, aber nie davor stehen. Hat diese Prognose Sie beeinflusst, oder war sie vergessen, als Sie Helmut Newtons Melbourner Studio zum ersten Mal betraten?

          Die Prognose hat sich nicht bewahrheitet, denn als Schauspielerin war ich in den fünfziger Jahren zur Zeit der Live-Aufzeichnungen ständig vor der Kamera. Einmal habe ich Shakespeares Hekate, die Königin der Hexen, im australischen Fernsehen gespielt, mit falschen Wimpern, Fingernägeln und so weiter. Als ich nach Hause kam, saß Helmut mit Freunden noch vor der „Macbeth“-Übertragung. Seine ersten Worte waren: „June, wer hat Hekate gespielt?“

          „Ich habe im Leben viele Wege verfolgt”: Helmut Newtons Ehefrau June über ihre Arbeit als Schauspielerin und Fotografin

          Sie schildern viele, zum Teil auch gefährliche Situationen, in denen Sie schnell handeln mussten, an nächtlichen Bushaltestellen zum Beispiel. Konnten Sie sich immer auf Ihre Intuition verlassen?

          Ich weiß nicht, warum, aber ich habe meinen Instinkten immer vertraut, und sie haben mich nie enttäuscht.

          Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie einen ganz anderen Weg hätten nehmen können? Und wenn ja, denken Sie manchmal über die Möglichkeiten nach, die sich Ihnen geboten hätten?

          Ich habe im Leben viele Wege verfolgt. Aber wirklich entbehrt habe ich meine Schauspielarbeit, nachdem ich mit Helmut nach Paris gezogen war. Ich bin einige Male nach London gefahren, um dort im Fernsehen aufzutreten, aber schließlich habe ich beschlossen, diese Karriere völlig aufzugeben. Als Helmut begriff, wie unglücklich mich die Entscheidung machte, hat er mir zu Weihnachten Leinwände und einen Farbkasten geschenkt mit allem, was sonst noch zum Malen gehört. Ich bin ins nächste Kaufhaus gegangen und habe mir Bücher zum Thema gekauft, Anleitungen darüber, wie man Tiere malt und Farben mischt. Und dann habe ich bis zu dem Tag gemalt, an dem ich Helmut bei einem Termin für die Zigarettenmarke „Gitanes“ vertreten musste und mein erstes Männermodel fotografierte.

          Erinnern Sie sich an die Gefühle dieses Tages in Paris, als Sie für Ihren erkälteten Ehemann einsprangen? Wie war es, als Ersatz akzeptiert zu werden und sich beweisen zu können?

          Zunächst einmal hätte ich es sehr gut verstanden, wenn das Model es vorgezogen hätte, den Termin zu verschieben. Außerdem war ich nicht da, um mein Talent zu zeigen, ich sollte nur Helmut vertreten. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass es der Anfang einer zweiten Karriere war.

          Die faszinierende Natürlichkeit der Porträts, die Sie von weiblichen Models, aber auch von prominenten Frauen wie Charlotte Rampling, Niki de Saint Phalle oder Grace Jones gemacht haben, wurde oft bemerkt. Was geht zwischen zwei Frauen vor, wenn eine Kamera ins Spiel kommt?

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