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Im Gespräch: Inselbegabung : Wie sieht Ihr Kopf von innen aus, Mister Tammet?

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Ein Mann mit erstaunlichen Fähigkeiten: Daniel Tammet Bild: Neie

Daniel Tammet ist eine so genannte Inselbegabung. Er kann sich die Kreiszahl Pi bis auf 22.514 Stellen hinter dem Komma merken, eine Fremdsprache lernt er innerhalb einer Woche, das Autofahren hingegen nie. Ein Gespräch über freundliche und scheue Zahlen, fette und schwere Wörter und das Lernen mit dem Körper.

          6 Min.

          Daniel Tammet ist eine sogenannte Inselbegabung. Er kann sich die Kreiszahl Pi bis auf 22.514 Stellen hinter dem Komma merken, eine Fremdsprache lernt er innerhalb einer Woche, das Autofahren hingegen nie. Ein Gespräch über freundliche und scheue Zahlen, fette und schwere Wörter und das Lernen mit dem Körper.

          Mister Tammet, ich wurde am 6. September 1976 geboren. Was für ein Tag ist das gewesen?

          Ein Montag.

          Synästhetiker mit Asperger-Syndrom: Daniel Tammet nimmt alles anders wahr
          Synästhetiker mit Asperger-Syndrom: Daniel Tammet nimmt alles anders wahr : Bild: picture-alliance / dpa

          Sind Sie sich sicher? Sie haben keine drei Sekunden nachgedacht.

          Kalender haben ein bestimmtes Muster, eine Woche hat sieben Tage, und die Tage wiederholen sich. Mein Gehirn ist sehr gut darin, sich Muster einzuprägen und zu erinnern.

          Ihr Gehirn kann Außergewöhnliches leisten, Sie haben eine phänomenale Begabung für Sprache und Zahlen. Die Kreiszahl Pi zum Beispiel können Sie bis auf 22.514 Stellen nach dem Komma rezitieren. Wie ist das möglich?

          Ich bin ein sogenannter „Prodigious Savant“, ein Inselbegabter. Als Kind hatte ich epileptische Anfälle, außerdem diagnostizierten Ärzte bei mir das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. Wissenschaftler, die mich untersucht haben, glauben, dass beides, die Epilepsie und der Autismus, miteinander verknüpft für meine Fähigkeiten verantwortlich ist. Bei den meisten Menschen ist ein Großteil kognitiver Aufgaben, zum Beispiel Sprache und Zahlenverständnis, hochspezialisiert und wird getrennt voneinander in unterschiedlichen Hirnregionen ausgeführt. Höchstwahrscheinlich gibt es bei mir eine Cross-Kommunikation zwischen den Zahlen- und Sprachregionen meines Gehirns.

          Wie nehmen Sie Zahlen wahr?

          Jede Zahl hat für mich eine bestimmte Form. Zahlen haben auch unterschiedliche Farben und sind von verschiedener Beschaffenheit. Manche sind groß, manche klein, andere schmal. Es gibt auch laute und freundliche Zahlen. Die 7 zum Beispiel ist rund, ein bisschen wie diese Olive hier.

          Das klingt nach einer innigen Beziehung. Was bedeuten Ihnen Zahlen?

          Ich liebe Zahlen. In der Schule war es schwer für mich, Freunde zu finden, also spielte ich in meinem Kopf mit Zahlen. Die Zahlen wurden meine Freunde, sie waren wie Menschen für mich.

          Haben Sie eine Lieblingszahl?

          Es gibt zwei Zahlen, die ich sehr mag. Eine ist die 4. Es ist eine sehr scheue Zahl, so wie ich. Ich mag auch die 11, eine wunderschöne Zahl, sehr freundlich und glänzend. Wenn ich nette Menschen kennenlerne oder ein schönes Buch lese, denke ich an die 11.

          Wie lösen Sie mathematische Aufgaben?

          Ich spiele mit Zahlen, ich spaziere durch eine Landschaft, die in ununterbrochener Bewegung ist. Es ist wie ein Kunstwerk, das entsteht und sich ständig verändert, ein numerischer Visualisierungsprozess. Zahlen stehen für mich untereinander in semantischen Beziehungen, das hilft mir, sie in Faktoren zu zerlegen. Meine Rechenfähigkeiten laufen intuitiv ab, vergleichbar mit der Syntaxberechnung bei Ihnen, wenn Sie einen Satz bilden.

          Sie zeigen uns in Ihren Büchern, wie phantastisch das menschliche Gehirn ist. Wie fühlt es sich an, ein Genie zu sein?

          Ich finde, wir sollten, wie Sie sagen, alle erkennen, wie wundervoll unser Gehirn ist – jedes einzelne. Es gibt viele Dinge, die für mich wegen meines Autismus sehr schwierig sind, zum Beispiel das Erinnern von Gesichtern. Für die meisten Menschen ist das einfach, sie denken nicht darüber nach. In Wahrheit aber ist es eine komplexe kognitive Aufgabe. Ich erinnere mich an Gesichter mit Hilfe von Fotos.

          Aber die Gesichter Ihrer Familie erkennen Sie?

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