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Im Gespräch: Hans Werner Henze : Was macht uns so anbetungswürdig, Herr Henze?

  • -Aktualisiert am

Die Arbeit an der Schönheit politisch verstehen: der Komponist Hans Werner Henze Bild: Burkhard Neie/xix

Er zählt zu den bedeutendsten Komponisten der Gegenwart und arbeitet mit 82 Jahren an einer Oper für und mit Jugendlichen. Ein Gespräch mit Hans Werner Henze über das Alter, die Jugend und die Musik.

          Hans Werner Henze ist kurz vor Weihnachten von seinem Wohnsitz bei Rom nach Essen gereist. In einer riesigen Halle der Zeche Zollverein wartet der Komponist auf uns, gegen die Kälte mit einem pelzgefütterten Mantel gewappnet.

          Was bedeutet Älterwerden für einen Komponisten, Herr Henze? Wie ist das?

          Menschen geht es ja so, dass sich, wenn sie älter werden, ihr Weltbild verändert. Man denkt und fühlt und agiert jeden Tag ein bisschen anders. Je nach Temperatur, Farbe des Himmels, Geräuschen und nach dem, was man vielleicht geträumt hat. Nicht uninteressant, jedenfalls für den, der es erlebt.

          Feuer: Henze und Bachmann 1965

          Wie ist es mit der Arbeit? Wird das Schreiben von Musik leichter, weil man an Erfahrung gewonnen hat, oder wird es schwerer? Lockert sich die Hand, oder werden die Skrupel mehr?

          Die Skrupel! Ich arbeite jetzt in den letzten Jahren etwa drei Stunden morgens und dann nachmittags meist gar nichts mehr. Ich lese oder gehe spazieren, je nach Wetterlage.

          Und der Moment, wo der Bleistift aufs Papier kommt, ist das ein schwierigerer Moment in fortgeschrittenem Alter, oder ist es so, dass es auch manchmal einfach fließt?

          Kinderleicht, doch, doch.

          Aber Sie sagten doch, die Skrupel nehmen zu.

          Na, wenn das kinderleichte Tun abgeschlossen ist für den heutigen Tag, dann denke ich darüber nach und finde, dass ich doch noch etwas checken muss am nächsten Morgen.

          Wo kommt die Musik her? Sind Sie diesem Geheimnis je auf die Spur gekommen?

          In all den Jahren sucht man eine Erklärung, man schreibt und denkt an nichts anderes als die Wirkung. Es ist wie eine Forschungsarbeit, die Erforschung eines unbekannten Landes. Aber inzwischen ist es auch so, dass ich körperlich darunter leide, dass es so schwer ist. Man fühlt sich wie ein Schlittschuhläufer auf einem Eis, das zu dünn ist, und erst am Schluss, am nächsten Morgen, kann ich auf Erfreuliches zurückblicken und habe gleichzeitig einen Doppelpunkt für das, was ich heute machen werde oder möchte.

          Als „L'Úpupa“ fertig war, die Oper für Salzburg, 2003, da haben Sie von der großen Anstrengung gesprochen, die Ihnen das bereitet hatte, und dann kam zu unser aller großen Verblüffung 2007 „Phaedra“. Wie war das möglich? Was hat Sie getrieben, dann noch einmal eine große Oper anzugehen?

          Die Anfrage war angenehm und schmeichelhaft. Man wird nicht alle Tage von der Berliner Lindenoper um eine Uraufführung gebeten. Und was hätte ich sonst den Tag über machen sollen? Lesen, Briefe schreiben, spazieren gehen?

          In die Bäume schauen, Ihrem Wiedehopf zuhören?

          Mache ich.

          Aber das ist nicht alles.

          Nein, zumal der Wiedehopf nur einen Monat lang singt oder anderthalb.

          Da bleiben elf Monate, um neue Werke zu schreiben.

          So ist es.

          Nach „L'Úpupa“ haben Sie eine gesundheitliche Krise erlebt, die wohl auch eine seelische Krise war. Sie sprechen im Arbeitstagebuch zu „Phaedra“ von der Gefahr des Abdriftens. Was haben Sie damit gemeint?

          Dass man keinen Widerstand leistet. Abdriften, damit meine ich, den Löffel abgeben. Schluss machen.

          War es dann die Arbeit am neuen Werk, die ihre Lebenskräfte wieder geweckt hat?

          Das weiß ich nicht mehr so genau. Vieles, was man später mit kalter Nonchalance bespricht, das macht man halt wie eine Rekonstruktion vom Gewesenen.

          In Ihren Briefen an Ingeborg Bachmann schreiben Sie: „Arbeite! Arbeite! Ich will es!“ Da scheint ein protestantisches Arbeitsethos am Werk. Hat sich daran etwas geändert?

          Höchstens insofern, als ich heute besser weiß als vor dreißig oder vierzig Jahren, was es braucht, um zu leben und nicht umzufallen, nicht abzudriften oder kaputtzugehen, oder was immer man sagen könnte. Ja, das hat auch etwas Religiöses, glaube ich.

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