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Im Gespräch: Fanny Ardant : Haben Männer Angst vor Ihnen, Madame?

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„Ich bin eine aktive Pessimistin”: Fanny Ardant Bild: Burkhard Neie

Sie gilt als eine der großen französischen Diven. Doch bei unserem Gespräch beim Filmfestival von Taormina wirkt Fanny Ardant völlig unkompliziert und alles andere als divenhaft. Und sie knabbert an ihren Fingernägeln.

          Sie gilt als eine der großen französischen Diven. Doch bei unserem Gespräch beim Filmfestival von Taormina wirkt Fanny Ardant völlig unkompliziert und alles andere als divenhaft. Und sie knabbert an ihren Fingernägeln.

          Sie sind die Tochter eines Kavallerieoffiziers und stammen aus einer altehrwürdigen Bürgerfamilie. War Ihr Wunsch, Schauspielerin zu werden, eine Art Rebellion gegen Ihr Elternhaus?

          Fanny Ardant: Nein. Ich habe meine Eltern immer geliebt. Wer sagt denn, dass alle Offiziere verknöcherte Reaktionäre sein müssen? Mein Vater entsprach überhaupt nicht diesem Klischee – im Gegenteil: Er war der freieste und unabhängigste Geist, dem ich je begegnet bin. Eine Künstlernatur, sehr großzügig, warmherzig und umfassend gebildet. Er gab mir schon Stendhal und Balzac zu lesen, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich habe eine Menge von ihm gelernt. Zum Beispiel, wie man ehrliche Leute von Lügnern, Wichtigtuern und Blendern unterscheidet – was gerade in meinem Beruf sehr wichtig ist.

          Trotzdem sind Sie auf Umwegen zu diesem Beruf gekommen: Sie haben zunächst ein komplettes Politik-Studium absolviert. Warum?

          Meine Eltern waren so klug zu erkennen, dass die Schauspielerei ein äußerst unsicherer und risikoreicher Broterwerb ist. Und sie hatten Angst, mein Berufswunsch könnte nur eine vorübergehende Laune sein. Also sagten sie: „Studiere erst einmal etwas Anständiges. Wenn du danach immer noch Schauspielerin werden willst, hast du unsere volle Unterstützung.“ Daraufhin pickte ich mir den kürzesten aller Studiengänge heraus: Politologie in Aix-en-Provence. Ich hielt brav durch, und – hopp! – weg war ich. Der Uni-Abschluss war für mich wie ein Passierschein in die Freiheit.

          Sie haben Ihre Laufbahn am Theater begonnen. Das war offenbar anfangs sehr mühselig.

          Ja, es war hart, äußerst hart sogar. Oft hatte ich so wenig Geld, dass ich mir nicht einmal ein Abendessen leisten konnte. Ich habe mich buchstäblich von Racine, Claudel und Molière ernährt. Doch das hat mir nichts ausgemacht, denn ich war frei! Materielle Dinge haben mir noch nie etwas bedeutet. Schon damals wusste ich, dass Geld uns keine Freiheit verschafft, sondern in immer tiefere Abhängigkeit stürzt: Wir haben Angst, es zu verlieren; wir überlegen fieberhaft, wie wir es investieren sollen; es korrumpiert uns und verführt uns zu den entsetzlichsten Taten. Deshalb habe ich mir geschworen, nie einen Job wegen des Geldes anzunehmen.

          François Truffaut hat Sie schließlich für die Leinwand entdeckt. Sie wurden seine Muse, seine Lebensgefährtin und der Star seiner letzten Filme. Würden Sie sagen, dass dies Ihre wichtigste Begegnung war?

          Ja. François hat mir eine ganz neue Sicht auf das Leben geschenkt – und damit mein Dasein als Frau und als Schauspielerin völlig auf den Kopf gestellt. Manchmal passiert es eben, dass du einen Menschen triffst, ihm nur zusiehst und zuhörst und dabei plötzlich merkst, dass sich in deinem Innern etwas Entscheidendes verändert. Nach dem Tod von François habe ich zwei Jahre lang nicht gearbeitet und kaum mit jemandem gesprochen.

          Seither haben Sie Ihre Filmprojekte sehr genau ausgesucht. Nach welchen Kriterien?

          Ich hatte nie ein System oder gar einen Karriereplan. Entscheidend für meine Rollenwahl war meine Sympathie für die jeweilige Filmfigur. Darum denke ich oft, dass ich gar keine richtige Schauspielerin bin. Denn als Profi müsste man ja alles spielen können. Aber ich kann eine Figur nur dann verkörpern, wenn ich sie liebe. Ob die Zuschauer sie ebenfalls mögen, ist mir dabei egal. Nach meinem Film „Die Auferstehung des Colonel Chabert“ sagten viele Leute erstaunt zu mir: „Sie spielen ja eine Schurkin.“ Und ich erwiderte: „Mag sein. Aber ich liebe diese Frau!“

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