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Im Gespräch: Emmanuelle Béart : Wann sind Sie reif für Komödien, Madame Béart?

  • -Aktualisiert am

Blaugrüne Augen und Schmollmund: Emmanuelle Béart Bild: F.A.Z.-Burkhard Neie

Emmanuelle Béart ist eines der bekanntesten Gesichter des französischen Kinos. Sie hat mit allen großen Regisseuren ihres Landes gedreht. Ein Interview über Angebote aus Hollywood, Selbstzweifel, sensible Männer, Prostituierte und Nacktheit vor der Kamera.

          6 Min.

          Herausfordernd blickende blaugrüne Augen, struppige blonde Mähne, Sommersprossen und Schmollmund: Emmanuelle Béart tritt uns beim Filmfestival von Deauville entgegen wie eine fleischgewordene Phantasie. Sie spricht leise, wirkt aber sehr bodenständig, aufgeschlossen und ein wenig verschmitzt - vor allem, wenn sie einen Anruf aus Hollywood simuliert.

          Claude Chabrol, der mit Ihnen „Die Hölle“ gedreht hat, sagte über Sie: „Emmanuelle hat den Körper einer Hure und das Gesicht einer Jungfrau.“ Finden Sie das auch?

          Nein. Ich würde das Gegenteil behaupten.

          Blaugrüne Augen und Schmollmund: Emmanuelle Béart Bilderstrecke
          Im Gespräch: Emmanuelle Béart : Wann sind Sie reif für Komödien, Madame Béart?

          Sie haben selbst oft Prostituierte gespielt, engagieren sich in einem Verein für die Rechte der Huren und haben eine TV-Dokumentation über Kinderprostitution gedreht. Fühlen Sie sich diesen Frauen nahe?

          Ja. Wir Schauspieler haben zwar nicht annähernd ein so hartes Leben wie sie, aber es gibt doch erstaunliche Parallelen: Auch wir bedienen die Phantasien von anderen Menschen, auch wir ändern unsere Identitäten und verkaufen in gewisser Weise unsere Körper. Was wir tun, ist ebenso eine Form der Prostitution.

          Im Lauf Ihrer Karriere haben Sie sehr häufig nackt vor der Kamera agiert - am spektakulärsten in Jacques Rivettes „Die schöne Querulantin“, wo Sie fast drei Stunden lang hüllenlos zu sehen sind. Fallen Ihnen solche Szenen leicht?

          Das kommt darauf an. Es gibt wunderbar intime Szenen, in denen Nacktheit gleichbedeutend ist mit menschlicher Wärme - da empfinde ich beim Drehen überhaupt keine Scham. Andererseits gibt es Szenen, in denen ich zwar bekleidet bin, mich aber entsetzlich nackt und ausgesetzt fühle: als würde die Kamera mir ins Innerste blicken. Bei der „Querulantin“ war es ähnlich - hier lag die Schwierigkeit nicht darin, meinen Hintern zu entblößen, sondern meine Seele.

          Glauben Sie, dass Ihr Aussehen für Ihre Karriere eher von Vorteil oder von Nachteil war?

          Keine Ahnung. Ich verbringe mein Leben nicht vor dem Spiegel. Und ich denke, auch für Regisseure wie Sautet oder Téchiné war mein Äußeres nicht entscheidend. Natürlich spiele ich in manchen Filmen mit meiner Sexualität, aber ebenso habe ich immer wieder versucht, mein Sexsymbol-Image zu zerstören - etwa in „Wilde Kinder“, wo ich ein Drogenwrack verkörpere.

          Bette Davis hat mal gesagt, dass Schauspieler im Grunde ständig vor sich selbst davonlaufen. Was meinen Sie?

          Es ist komplexer. Einerseits kenne ich den Wunsch, mir Masken überzustülpen und vor mir selbst zu fliehen, andererseits aber auch den starken Drang, möglichst viel über mich herauszufinden. Für mich hat die Schauspielerei immer etwas Schizophrenes.

          In welcher Ihrer Filmfiguren haben Sie sich denn am ehesten gefunden?

          In jeder Figur erkenne ich Teile von mir. Nelly zum Beispiel in „Nelly & Monsieur Arnaud“ ist ebenso scheu und introvertiert wie ich - jemand, der eher zuhört als redet und lieber beobachtet als beobachtet zu werden. Und Marie in „Die Geschichte von Marie und Julien“ ist mir fast schon erschreckend ähnlich in ihrer Art zu lachen, zu weinen oder sich zu bewegen.

          Gibt es eine Rolle, mit der Sie sich besonders gut identifizieren konnten?

          Ich identifiziere mich nicht mit meinen Charakteren. Ich möchte einfach nur Geschichten erzählen. Das war schon immer meine einzige Motivation. Dieses Ziel hätte ich genauso gut als Autorin oder Fotografin verwirklichen können. Eigentlich seltsam, dass ich diesen Beruf gewählt habe, denn ich bin nicht mit dem Kino aufgewachsen, sondern mit Mutter Natur. Als Kind kannte ich überhaupt keine Filmstars. Wir hatten nicht einmal einen Fernseher. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass mir das Leben stets wichtiger war als das Kino - und dass ich die Glitzerwelt des Films nie mit der Realität verwechselt habe. Mir gefällt die Vorstellung, dass ich jederzeit meinen Job aufgeben und mich wieder aufs Land zurückziehen kann.

          Bereuen Sie denn Ihre Berufswahl?

          Nein. Mein einziges Problem ist, dass ich bis heute täglich von Zweifeln geplagt werde: Permanent habe ich das Gefühl, dass ich nichts über meinen Job weiß - und dass mich der Regisseur bald feuern wird.

          Nähern Sie sich all Ihren Rollen mit einer bestimmten Arbeitsmethode?

          Nein. Da ich nie eine Schauspielschule absolviert habe, ist meine Vorbereitung oft extrem chaotisch und instinktiv. Meine Filmfiguren nehmen ganz unbewusst Gestalt an, vor allem nachts in meinen Träumen. Ein konkretes Gefühl für die Rolle bekomme ich erst am Drehort. Da sauge ich alles auf: Bauten, Gerüche, Blicke - meine Sinne sind geschärft wie bei einem Tier. Drehen bedeutet für mich, ständig mit allen Fasern meines Körpers präsent, hellwach und in einem Zustand der Alarmbereitschaft zu sein.

          Was passiert, wenn Sie - wie in Ihrem Film „A Crime“, den Sie hier in Deauville präsentieren - auf einen streng strukturierten „method actor“ wie Harvey Keitel treffen?

          Die Begegnung mit ihm war faszinierend. Harvey muss vor dem Dreh tatsächlich jede kleinste Kleinigkeit seiner Rolle psychologisch durchdringen. Wissen Sie, wenn ein Regisseur zu mir sagt, ich solle dieses Glas in die Hand nehmen, dann nehme ich dieses Glas in die Hand. Doch Harvey will erst mal genau verstehen, warum. Das Verrückte daran ist, dass er beim Dreh wie ein Kind alles wieder zerstört, was er sich aufgebaut hat. Er spielt mit dem Feuer, destabilisiert sich und seine Mitspieler. Diese Methode ist zwar sehr irritierend, führt aber zu spannenden Ergebnissen.

          Man sieht Sie vorwiegend in finsteren, schwierigen Rollen. Keine Lust auf leichtere Kost?

          Meine Freunde können bezeugen, dass ich eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch bin. Aber ich fühle mich nun einmal eher von rebellischen, wütenden Filmfiguren angezogen. Mag sein, dass ich einfach noch eine gewisse Zeit brauche, bis ich das Leben ein wenig leichter nehme. Dann bin ich vielleicht reif für romantische Komödien!

          Stimmt es, dass für Ihre Zusage zu einem Filmprojekt stets die Begegnung mit dem Regisseur den Ausschlag gibt?

          Ja. Bevor ich mich entscheide, gehe ich erst mit dem Regisseur einen trinken. Ich sehe ihm in die Augen, und wenn ich dort keine Leidenschaft für das Projekt spüre, bin ich sofort weg. Während des Gesprächs frage ich mich: Möchtest du mit diesem Kerl noch mal einen trinken gehen? Möchtest du wirklich zwei Monate deines Lebens mit ihm am Set verbringen? Denn mir ist es wichtig, dass ich mich während der Dreharbeiten wohl fühle. Ich habe schon großartige Rollen abgelehnt, weil ich einfach mit dem Regisseur nicht auskam. Lieber riskiere ich mal einen schlechten Film - Hauptsache, ich hatte Spaß beim Drehen.

          Da wundert es mich, ehrlich gesagt, dass Sie „Wie in der Hölle“ unter der Regie von Danis Tanovic gedreht haben. Der hat zwar mit „No Man's Land“ bewiesen, dass er ein exzellenter Filmemacher ist - doch privat wirkt er eher wie ein arroganter Kotzbrocken.

          Sie sind nicht der Einzige, der diesen Eindruck hat. Aber glauben Sie mir, unter seiner rauhen Schale verbirgt sich ein sehr sensibler, fast weiblicher Kern.

          Ist das generell etwas, das Sie an Männern schätzen? Weibliche Züge?

          Ja. Viele Männer sind leider nicht besonders gut darin, Schwächen zuzugeben und ihre Gefühle auszudrücken. Männer, die das können, faszinieren mich. Bei Danis Tanovic kommt noch etwas hinzu, das ich ebenfalls anziehend finde: sein Humor. Trotz des ernsten Themas habe ich selten bei Dreharbeiten so gelacht wie mit ihm.

          Andererseits hat er kolportiert, die Eifersüchteleien unter den vier weiblichen Stars seines Films seien die Hölle gewesen . . .

          Ach, das hat er wahrscheinlich nur wegen des Filmtitels so übertrieben dargestellt. In Wirklichkeit war er so klug, mit jeder Einzelnen von uns vieren separat zu drehen. So gab er uns allen das Gefühl: „Seine Augen sind nur auf mich gerichtet. Ich bin der Star dieses Films. Die anderen existieren gar nicht!“ (lacht)

          Gibt es nicht trotzdem Konkurrenzkämpfe, wenn vier französische Filmdiven aufeinandertreffen - oder sogar acht wie in „8 Frauen“? François Ozon meinte, er hätte dabei acht Löwinnen in der Arena aufeinandergehetzt.

          Konkurrenzdenken gibt es überall, wo Leute ihre Ziele zu ehrgeizig verfolgen. Es scheint mir aber unter Männern weiter verbreitet zu sein als unter Frauen. Ich versichere Ihnen, dass wir uns bei „8 Frauen“ nicht gegenseitig fressen wollten. Zwischen uns herrschte eine große Solidarität. Es schweißt einen auch zusammen, wenn man sieht, dass selbst die ältesten Hasen mit demselben Lampenfieber kämpfen wie die Neulinge.

          Jetzt werden Sie mir gleich noch erzählen, Sie wären seither alle dick befreundet.

          Nein. Tatsächlich fühle ich mich in meinem Beruf oft einsam, denn wenn man denselben Job macht, heißt das ja nicht automatisch, dass man auch die gleichen Interessen hat. Eine Zeitlang kommt man sich vor wie in einer Familie, und nach jedem Dreh verspricht man sich gegenseitig, dass man sich wieder treffen wird - aber das passiert so gut wie nie. Man geht doch wieder völlig getrennte Wege.

          Wie sind Sie denn in einen Blockbuster wie „Mission: Impossible“ hineingeraten?

          Ich hatte vier Filme in Folge gedreht und brauchte eigentlich dringend eine Pause. Doch dann rief mein Agent an und sagte: „Tom Cruise und Brian de Palma sind in Paris. Sie wollen ein paar Schauspieler treffen, unter anderem dich. Wenn du da nicht hingehst, arbeite ich nie wieder für dich.“ Ich ging mit einer Leckt-mich-doch-Einstellung zu der Verabredung, weil ich überhaupt keinen Bock auf den Film hatte. Aber nach meinem Gespräch mit Brian de Palma schien es mir, es wäre eine Schande, diese Gelegenheit sausen zu lassen. Ich dachte, im besten Fall würde der Film mir weitere Türen öffnen.

          Und wie waren Ihre Erfahrungen beim Dreh?

          Es kam mir vor wie ein riesiges, bizarres Spiel. Ich fand es sehr befreiend, dass ich nur so ein winziges Rad im Getriebe war und dass mich am Set praktisch niemand kannte. Das ist völlig okay - solange mich wenigstens in Frankreich noch ein paar Leute kennen! (lacht)

          Hat Ihnen der Film denn nun Türen geöffnet?

          Ich habe einige Angebote aus Hollywood bekommen, aber das war alles Schrott. Mir war es egal, denn Amerika reizt mich eigentlich gar nicht. Moment mal, entschuldigen Sie, einen Augenblick . . . (Sie kramt in ihrer Handtasche, fischt ihr Handy heraus und tut so, als würde sie einen Anruf entgegennehmen:) Hallo? Oh, hello! (Flüsternd, mit verschwörerischem Blick:) Es ist Brian de Palma. (Laut:) No, I don't want to do another one. No, I told you already. Really, no! Bye! (Grinsend:) Entschuldigen Sie bitte. Das war Brian de Palma. Er verfolgt mich!

          Sie scheinen mir ohnehin häufig auf der Flucht zu sein: Lange Zeit sind Sie etwa alle drei Jahre umgezogen, sogar innerhalb von Paris. Sind Sie eine rastlose Seele?

          Mag sein. Ich habe stets zur Miete gewohnt, besitze so gut wie nichts und fühle mich auch in Paris immer wie auf der Durchreise. Zwei Koffer, ein Flugticket, und los geht's: zu Dreharbeiten oder in den Urlaub. Diese Rastlosigkeit kommt sicher auch von meinen vielen verschiedenen Vorfahren - Griechen, Italiener, Russen, Spanier, Malteken, Orientalen, Kroaten . . . Leben, das heißt für mich: abreisen, aufbrechen zu neuen Ufern!

          Emmanuelle Béart wird am 14. August 1965 im südfranzösischen Dorf Gassin als ältestes von fünf Kindern des Chansonniers Guy Béart geboren und wächst auf dem elterlichen Hof in der Provence auf.

          Als Au-pair-Mädchen in Montreal wird sie von Regisseur Robert Altman zur Schauspielerei ermutigt. Bereits 1987 gewinnt sie als Schäferin in der freizügigen Marcel-Pagnol-Verfilmung „Manons Rache“ den französischen Filmpreis. 1991 sorgt sie als geheimnisvolles Aktmodell in Jacques Rivettes Meisterwerk „Die schöne Querulantin“ international für Furore. Daraufhin dreht sie mit Regisseuren wie Claude Sautet („Ein Herz im Winter“), André Téchiné („Ich küsse nicht“), Claude Chabrol („Die Hölle“) und François Ozon („8 Frauen“).

          Zehn Jahre lang engagiert sie sich als Unicef-Botschafterin. Wiederholt setzt sie sich auch für illegale Einwanderer ein, wird bei der Besetzung einer Kirche verhaftet und verliert dadurch ihren Werbevertrag mit Dior.

          Sie hat eine fünfzehnjährige Tochter aus der Ehe mit ihrem Schauspielerkollegen Daniel Auteuil sowie einen elfjährigen Sohn von dem Musiker David Moreau.

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