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Im Gespräch: Claude Chabrol : Sind Sie ein Feminist, Monsieur Chabrol?

  • Aktualisiert am

Claude Chabrol Bild: Illustration Burkhard Neie/xix

Fast 60 Kinofilme hat Claude Chabrol gedreht, doch von Müdigkeit keine Spur. Für einen Mythos wirkte er sehr lebendig als er in Turin Marco Schmidt traf. Chabrol sprach über die Zutaten für einen guten Krimi, unverzeihliche Filme und furchtbare Erfahrungen mit Jodie Foster.

          Fast sechzig Kinofilme hat er gedreht, doch von Müdigkeit fehlt jede Spur. In seiner Hotelsuite mit Blick auf Turin und die Piemonteser Berge riecht es nach Essen und Zigarrenrauch. Claude Chabrol steckt in einem ausgebeulten Cordanzug. Für einen Mythos wirkt er höchst lebendig: Aus seinen Augen blitzt der Schalk und sein Lachen füllt den Raum wie eine Urgewalt.

          Was ist denn aus Ihrer Brille geworden, Monsieur Chabrol? Trugen Sie nicht immer so eine Art Röntgenbrille, mit der Sie hinter die Fassade des Bürgertums blicken konnten?

          Gut, dass Sie danach fragen - da kann ich gleich dem üblen Gerücht entgegentreten, ich sei auf Kontaktlinsen umgestiegen. Die Wahrheit ist: Ich habe meine Augen operieren lassen. Und jetzt muss die Bourgeoisie wirklich zittern - denn dank dieser Operation kann ich tatsächlich durch die dicksten Mauern hindurchsehen!

          Wie kaum ein anderer kennen Sie die Zutaten und das Rezept für einen guten Gesellschaftskrimi. Haben Sie den Grundstein für Ihre filmische Giftmischerei schon während Ihres Pharmaziestudiums gelegt?

          Das bezweifle ich. Ich stamme aus einer alten Apothekerfamilie und habe dieses Studium nur meinen Eltern zuliebe begonnen. Aber ich bin durch sämtliche Prüfungen durchgerasselt - schon die Fragen habe ich nie kapiert. Ich hoffe sehr, dass ich als Filmemacher mehr Talent bewiesen habe als in der Pharmazie.

          Ihre Eltern haben Sie am Besuch der Pariser Filmschule gehindert; Sie haben nie als Regieassistent gearbeitet oder durch das Inszenieren von Kurzfilmen Erfahrung gesammelt. Wie kamen Sie 1957 auf die Idee, einen Kinofilm zu drehen?

          Das war eigentlich eine Schande. Ich schäme mich richtig. Meine erste Frau stammte aus reichem Hause, und wir haben im Grunde nichts anderes gemacht, als dekadente Partys zu veranstalten. Als sie dann auch noch ihre Oma beerbte, wussten wir gar nicht mehr, wohin mit dem Geld. Da beschloss ich, einen Film zu drehen, um wenigstens einen Teil der Kohle auszugeben. Unglücklicherweise war der Film erfolgreich, und so sah ich mich gezwungen, einen zweiten zu machen.

          Sie gehören also selbst zu jener Bourgeoisie, die Sie in Ihren Filmen so scharf attackieren.

          Stimmt. Aber man sollte das, was man kritisiert, sehr genau kennen. Und über die Probleme der Minenarbeiter weiß ich nun mal herzlich wenig. Natürlich kann ich meine bourgeoise Herkunft nicht verleugnen. Ich bekenne mich gern zu einigen typisch bürgerlichen Marotten: Ja, ich liebe Bequemlichkeit; ja, ich richte mich gern wohnlich ein. Aber meine Denkweise ist eher die eines Bohemiens: Ich verabscheue jede Art von sozialer Scheinheiligkeit, und ich mache mir nichts aus Geld und Besitz. Auch für meine Filme habe ich mich immer sehr schlecht bezahlen lassen.

          Waren Sie deshalb gezwungen, seit fünfzig Jahren einen Film nach dem anderen zu drehen?

          Ja, das ist einer der Gründe. Hauptsächlich liegt das aber daran, dass ich es einfach liebe zu drehen: Am glücklichsten bin ich immer während der Dreharbeiten. Deshalb war stets mein oberstes Ziel, kontinuierlich Filme machen zu können. Dabei hatte ich nie Angst, auch mal Schund zu produzieren. Als Filmemacher muss man sowieso ständig Kompromisse eingehen. Darum finde ich es gar nicht schlimm, ab und zu Mist zu drehen. Man muss nur dazu stehen.

          Welche Ihrer Filme finden Sie denn besonders misslungen?

          Hoho! Das werde ich Ihnen gerade auf die Nase binden! Sagen wir mal so: Es gibt mindestens fünf, die ich nahezu unverzeihlich finde. Einen davon will ich Ihnen nennen: „Folies Bourgeoises“ aus dem Jahr 1976. Wenn ich eingebildet wäre, würde ich sogar behaupten, ich hätte damit den schlechtesten Film der Welt fabriziert. Aber ich bin bescheiden: Es ist bloß einer der miserabelsten Filme aller Zeiten!

          In der Retrospektive Ihrer Filme beim Filmfestival von Turin konnte man einige Perlen entdecken, die nie in deutsche Kinos kamen - darunter „Der zehnte Tag“ mit Orson Welles in der Hauptrolle ...

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