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Im Gespräch: Christina Lindberg : Wie frivol ist Schweden, Frau Lindberg?

  • Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie / xix

Vom Nacktmodell hat Christina Lindberg sich zum Kultstar gewandelt. Bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck berichtet sie von Erotik und Pilzen, Quentin Tarantino und natürlich von König Carl Gustaf.

          Frau Lindberg, Sie sind weder blond noch blauäugig, noch besonders groß. Trotzdem sind Sie zu einem der bekanntesten schwedischen Sexsymbole überhaupt geworden. Was ist da schiefgelaufen?

          Im Rückblick erscheint es mir selbst merkwürdig, wie ausgerechnet ich zum Inbegriff der „schwedischen Sünde“ werden konnte, von der man in den siebziger Jahren sprach. Es war ein Zufall: Ich ging noch zur Schule, als am Strand ein Zeitungsfotograf auf mich aufmerksam wurde. Die Bilder waren unschuldig, wurden aber zu einem großen Erfolg, bald war ich fast jede Woche irgendwo in Schweden das Titelmädchen. Mein Gesicht sah kindlich aus, mein Körper war aber ziemlich kurvig. Als dann für einen Film ein Lolita-Typ gesucht wurde und der Produzent eines der Fotos sah, ließ er mich nach Stockholm kommen. So bekam ich meine erste Filmrolle, als eine Art leichtbekleidete Dekoration, um den Verkauf des Films anzukurbeln.

          Ihrer Karriere haben die Nacktaufnahmen gutgetan. Können Sie diesen Einstieg ins Filmgeschäft auch heute noch empfehlen?

          Meine Rollen waren nackte Porträts. Sie wirkten umso glaubhafter, weil ich alles aus meinem nackten Ich herausholen musste, um sie zu interpretieren. Eine Schauspielausbildung hatte ich ja nicht. Heute würde ich das einer jungen Schauspielerin nicht empfehlen. Es wird in diesem Genre immer schwieriger, den richtigen Kurs zu finden. Ich habe die Klippen ganz gut umschifft, seriösere Rollen bekommen; sicher habe ich mich aber nur gefühlt, weil ich mit bekannten Schauspielern und Produzenten zusammenarbeiten konnte.

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          Und niemand hat Sie je darum gebeten, sich die Haare zu färben?

          Nein, nie. Heute könnte man bei den Augen mit farbigen Kontaktlinsen nachhelfen, aber damals war das kein Thema.

          Hat es Sie nie belastet, das Lolita-Schema zu bedienen?

          Das Problem ist heute doch viel größer. Da werden erwachsene Frauen für ein Fotoshooting als zwölfjährige Mädchen zurechtgemacht. Das halte ich für absurd, für ungesund. Aber zugleich liegt darin ganz offensichtlich eine Verführung.

          War Ihnen klar, dass Ihre Filme nicht nur ein Genre prägten, sondern auch das Image von Schweden? Der „Schwedenfilm“ wurde zum Inbegriff von Erotik auf der Leinwand, als entsprechend freizügig galten die Schweden im Ausland.

          Nein, daran haben wir damals überhaupt nicht gedacht.

          Was mag der Grund für dieses Stereotyp gewesen sein? Gehörte zum schwedischen Wohlfahrtsstaat etwa zusätzlich zum Wohlstandsversprechen auch das des körperlichen Glücks?

          Jedenfalls gibt es für unser „folkhem“, den schwedischen Wohlfahrtsstaat, denselben Schlusspunkt wie für das Zeitalter der sexuellen Freiheit: den 28. Februar 1986, an dem Ministerpräsident Olof Palme erschossen wurde. Seitdem verschwinden die Unterschiede zwischen Schweden und dem Rest Europas.

          Viele Deutsche dachten damals an die freie Liebe, wenn von Schweden die Rede war. Wie war umgekehrt Ihr Bild von Deutschland?

          Ich hatte Deutsch in der Schule und verstehe die Sprache immer noch einigermaßen. Woran wir dachten? An den Zweiten Weltkrieg, an eine erfolgreiche Industrienation, an zielbewusste Menschen.

          Auch an Erotik?

          Nein, Lust und Sünde passten zu Deutschland nicht so recht. Dabei spielte ich selbst in vier „Schulmädchen-Report“-Filmen mit. Aber in denen gab es keine richtige Handlung, wir hüpften nur in den Betten herum. Das war in Schweden anders, zumindest für eine kurze Zeit, bis zur Mitte der siebziger Jahre.

          Heute spielen Blondinen zwar immer noch eine Rolle für das deutsche Bild von Schweden, aber auch die hohen Steuern und die Kernkraftwerke.

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