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Im Gespräch: Akupunkturspezialist Günter Gunia : Wo stechen Sie am liebsten zu, Herr Gunia?

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Wenn Günter Gunia zusticht, kommt nach dem Pieks die Gelassenheit Bild: picture-alliance/ dpa

Er gab seine gut gehende Landarztpraxis auf, um in China Akupunktur zu studieren. Dort offenbarte sich Günter Gunia eine Heilkraft, die für ihn fast schon etwas mit Zauberei zu tun hat. Dafür ist die fernöstliche Kunst für viele deutsche Krankenkassen noch immer so etwas wie Humbug.

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          Gestern hat der Akupunkturspezialist Professor Günter Gunia in Bramsche fast hundert Patienten behandelt, heute praktiziert er im Adlon-Spa in Berlin. Die Nadeln sind die gleichen, zart wie Spinnenbeine, doch ihre Wirkung grenzt an Zauberei.

          Hat Akupunktur etwas mit Zauberei zu tun, Herr Professor Gunia?

          Zauberei kann man schon dazu sagen. Zauberei nennt man es ja, wenn wir Dinge sehen oder erfahren, die wir nicht verstehen. Und im Rahmen der Akupunktur können mit Nadeln Erfolge erzielt werden, die wir schulmedizinisch nicht für möglich halten. Aus der Sicht des Patienten wirkt es wie Zauberei, aus der Sicht des Experten aber lässt es sich durchaus nachvollziehen. Wobei das Medium Akupunktur und Chinesische Medizin so überdimensional ist, dass man unendlich viel Erfahrung und Konzentration braucht, um diese Medizin zu entzaubern und zu verstehen.

          In den Augen Burkard Neies besteht nicht nur das Leben Günter Gunias aus Nadelstichen
          In den Augen Burkard Neies besteht nicht nur das Leben Günter Gunias aus Nadelstichen : Bild: Illustration Burkhard Neie

          Warum haben Sie Ihre Landarztpraxis verlassen und in China Akupunktur studiert?

          Meine Praxis war damals eine der größten in Deutschland. Wer gibt das auf, um sich auf so etwas einzulassen? Rein pekuniär war es Unsinn. Aber ich habe damals nach Möglichkeiten gesucht, meine Patienten besser zu behandeln. Zufällig hatte ein Freund von mir an der Medizinischen Hochschule in Hannover eine Vorlesung über Akupunktur gehalten. Und da wollte ich es dann selbst versuchen. Es brauchte damals Überzeugungsarbeit, um mich überhaupt für das Thema zu öffnen.

          Und was hat Sie dann für die Akupunktur gewonnen?

          Ein hoher Offizier am Pekinger Institut war mein Initialeindruck. Der Mann hatte einen Schlaganfall erlitten und kam mit eigener Militärärztin und fünf Autos angereist. Sie haben ihn getragen, er war halbseitig gelähmt. Von Tag zu Tag ist er von der Zuwendung unabhängiger geworden und nach einer Woche selbst auf die Liege gestiegen. Ich war damals noch ein ganz normaler Internist und habe gedacht: Aber hallo! Als ich Arzt in der Abteilung für Traditionelle Chinesische Medizin in Bramsche wurde, sind mir viele Patienten mit ungewöhnlichen Leiden vorgestellt worden. Dort habe ich lange mit jeweils zwei chinesischen Professoren vom Pekinger Institut zusammengearbeitet, die jährlich abgelöst wurden. Das hat mir sehr geholfen, die Tiefe der Chinesischen Medizin zu ermessen; gemeinsam konnten wir fast jede Krankheit erreichen.

          Hat sich die Akupunktur inzwischen in Deutschland etabliert?

          Sie wird hier völlig unterbewertet. Die Krankenkassen akzeptieren nur zwei oder drei Indikationen: Rückenschmerzen, Arthrose im Knie und zukünftig vielleicht Migräne. Vom 1. April an wird die Akupunkturunterstützung der Kassen wahrscheinlich massiv reduziert. Damit würde sie der Zweiklassengesellschaft geopfert. Die Kosten einer Behandlung liegen bei zwanzig Euro. Wenn sie nur noch mit fünf Euro honoriert würde, können sich die Ärzte das wirtschaftlich nicht mehr leisten. Dabei kann man mit Akupunktur im Prinzip alles behandeln - je exotischer die Erkrankung, desto größer die Chance, damit Abhilfe zu schaffen.

          Wie ist das zu erklären?

          Weil die chinesische Diagnostik eine zusätzliche Perspektive zum Krankheitsgeschehen des Patienten bietet und Akupunktur in sich schon eine psychosomatische Medizin ist, während in Deutschland die Diagnose Psychosomatik im Schnitt erst nach acht Jahren gestellt wird. Das heißt, dem Patienten wird eine Odyssee von acht Jahren zugemutet, bevor seine Erkrankung breiter angelegt therapiert wird. Das zweite Problem ist, dass Akupunktur von den Ärzten nicht in dem Umfang genutzt wird, wie es qualitativ möglich wäre. Wenn die Kompetenz da ist, kann man unendlich viel machen. Ich behandle Hämorrhoiden, Depressionen, schwere Augenerkrankungen, Entwicklungsstörungen bei Kindern. Doch neben der Qualität der Akupunkteure mangelt es auch an Akzeptanz unter den Fachärzten und Unikliniken.

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