https://www.faz.net/-gqz-u612

Gespräch mit einem Polar-Abenteurer : Schmilzt die Arktis, Herr Fuchs?

  • -Aktualisiert am

„Die Ereignisse in Grönland überschlagen sich”: Arved Fuchs Bild: dpa

Seit zwanzig Jahren durchkreuzt Arved Fuchs die Arktis auf den schwierigsten Routen. Doch was passiert, wenn das Eis am Nordpol verschwindet? in der F.A.Z. spricht der Arktisexperte über den Klimawandel, den Mythos „Norden“ und Reinhold Messner.

          Kein Deutscher kennt die Polarregionen so gut wie Arved Fuchs. Seit zwanzig Jahren durchkreuzt der Abenteurer die schwierigsten Routen der Arktis, und erst vor kurzem ist er von einer Expedition zurückgekehrt. Doch was passiert, wenn der Nordpol verschwindet? Unser Gespräch wird von brausenden Eisstürmen unterlegt - Begleitmusik für einen der Vorträge, die Fuchs über die Faszination des Nordens hält.

          Herr Fuchs, Sie sind soeben von einer Grönland-Expedition zurückgekehrt. Wie fühlt es sich an, einem Eisberg zu begegnen?

          Ein Eisberg ist ein Kunstwerk, kein Eisberg gleicht dem anderen. Wenn sich die Sonnenstrahlen in ihm brechen, verändern sich selbst die Konturen und Farben jedes einzelnen dieser Kolosse unentwegt - besonders im Sommer, wenn die Sonne auch nachts nicht untergeht. Ein Eisberg ist ein Juwel.

          Öffnen

          Wann begegneten Sie diesem Juwel zum ersten Mal?

          Das war 1979, als ich an die Westküste Grönlands fuhr und nach Ilulissat kam. Dort stößt ein Gletscher ungeheure Mengen gewaltiger Eisberge ins Meer, und ich sah sie: treibend, strandend, auseinanderbrechend.

          Sehen Sie heute, da der Klimawandel ein ernstes Thema ist, Eisberge mit anderen Augen?

          Das Staunen vor Form und Größe ist geblieben. Dass sich in den Polarregionen Veränderungen abspielen, ist mir schon vor Jahren aufgefallen. Ganz deutlich merkte ich es erst 2002, als wir durch die Nordostpassage gefahren sind und völlig veränderte Eisverhältnisse vorfanden. Es war unsere vierte Reise dorthin. Dreimal versuchten wir, unser Projekt der Polumrundung endlich abzuschließen. Dreimal sind wir gescheitert. Nun klappte es - zumindest, was das Eis anging. Uns machten die Tiefdrucksysteme zu schaffen, die plötzlich weiter nördlich als erwartet schlechtes Wetter brachten. Wir beschlossen daraufhin, auch die Nordwestpassage noch einmal zu durchfahren.

          Durchkreuzte das anderweitige Pläne?

          Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, wieder einmal die Südseeinseln zu durchfahren. Mit der Badehose an Deck. Aber nun wurde die Vision der Südsee schal. Wir fühlten uns gefordert, nun auch die Verhältnisse an der Nordwestpassage mit unseren alten Eindrücken zu vergleichen.

          Da war Ihre Nordwestpassage gerade zehn Jahre her.

          Ja, und Amundsens Tour genau einhundert Jahre.

          Machten Sie dort dieselbe Erfahrung, die sich im Logbuch der diesjährigen Grönland-Tour wiederfindet, wo Sie notierten: „Der Sonderfall bekam System.“?

          Diese Tendenz geht rasant voran. Die Nordwestpassage 2003 war zwar schwierig, weil es ein schwieriges Eisjahr war. Aber in der ganzen Arktis gab es wenig Eis. Und nun, im vorigen Sommer, gab es in der Nordwestpassage so gut wie kein Eis. Es war getaut. Wir fuhren also noch einmal nach Nordostgrönland. Dort gab es bislang so gut wie keine Chance zum Durchkommen. Jetzt sah es anders aus. Die Ereignisse überschlagen sich.

          Wie nehmen die Menschen in der Arktis diese Veränderungen wahr?

          Die nehmen das ebenso subjektiv wie wir wahr. Von den wissenschaftlichen Debatten bekommen sie wenig mit. Sie merken, dass Fischschwärme, die seit Generationen kamen, plötzlich ausbleiben. Einige machen sich wenig Sorgen; eine kleine Erwärmung von minus vierzig auf minus 35 Grad ist in Nordsibirien ja auch nicht schlecht. Anderen aber brechen Existenzgrundlagen fort: In Alaska versinken ganze Ortschaften. Die Jagd wird auf dünnem Eis und bei Sturm gefährlicher.

          Halten Sie den Kontakt zu Polar-Bewohnern?

          Ich bekam heute Morgen noch eine Mail aus dem nördlichsten Dorf Kanadas. Dort hatte ich mir im Frühjahr ein Hundeschlitten-Gespann ausgeliehen. Der Mann schrieb: Der Herbst und das Eis kommen zwei Monate zu spät. Und auch in Ostgrönland wurden wir immer wieder darauf angesprochen.

          Stimmt Sie das melancholisch?

          Ich sehe das schon mit einer gewissen Melancholie. Was ich vor zwanzig Jahren machen konnte, ist nun so nicht mehr möglich. Wir mussten zum Beispiel diese Hundeschlitten-Expedition abbrechen, weil das weiche Eis für uns und die Hunde unzumutbar wurde. Wir blieben in einem Schneesumpf stecken. Ich bin wie meine Freunde im Norden auch ein Betroffener der Veränderungen.

          „Im Norden“. Noch hat das einen magischen Klang.

          Auch unsere Vorstellung vom Norden wird sich grundlegend verändern. Der Mythos wird sich verlieren. In der Nordwestpassage soll ein Tiefwasserhafen für Tanker gebaut werden. Es gibt konkrete Pläne von Reedereien, Routen über den Nordpol zu erschließen. Der Nordpol, den früher kaum einer erreichen konnte, wird zu einer Banalität.

          Wie begegneten Sie dem „Mythos“ vom „Norden“?

          Als Kind, lesend. Ich wurde in einer Familie ohne Fernseher, aber mit Büchern groß. Reise- und Expeditionsberichte haben mich fasziniert. Ganz unbedarft nahm ich mir vor: Wenn du groß bist, machste das auch. Norden bedeutete für mich: Schnee. Eis. Polare Nacht. Große Kälte. Packeis. Iglus. Eskimos. Schlittenhunde. Aber auch: Einsamkeit, die keine Fehler gestattet.

          Lesen Sie noch, wenn Sie auf Tour sind?

          Ich sammle alte Polar- und Seeliteratur und lese sie noch immer. Es ist spannend zu erfahren, wie der Polarbereich zu früheren Zeiten erfahren wurde. Aber es muss nicht immer Polarliteratur sein.

          Was vermissen Sie unterwegs?

          Man braucht nicht viel auf diesen Touren. Die Bedürfnisse werden ganz bewusst reduziert, um mit sich selbst sein zu können. Natürlich haben wir heute auch Handys dabei. Aber die können lästig sein: Journalisten rufen mitten im Sturm an und begreifen nicht, dass hier gerade zwei Welten aufeinanderprallen.

          Nicht einmal Ihre Wanne? Sie gelten doch als fanatischer Badewannen-Kapitän?

          Na ja, mein persönlicher Rekord im Nichtduschen beträgt siebzig Tage. Eine heiße Wanne ist da etwas Feines - und bekommt einen anderen Stellenwert. Der bewusst erlebte Mangel und die Kontraste rücken mein Wertesystem zurecht.

          Auch so könnte man meinen, Sie seien weiterhin auf der Jagd, die Leseerlebnisse der Kindheit aufzuholen.

          Nicht nur sie. Meine Großeltern lebten auf Sylt. Ich stand am Strand, blickte zum Horizont. Immer wieder. Was ist denn dahinter?, fragte ich. Sie antworteten: Da ist England. Aber natürlich ist es nicht so, als hätte ich heute ständig das Gefühl, als laufe der große Forscher Nansen neben mir her. Ich mache mein Ding und nutze die alten Berichte als Erfahrungsschatz. Ich bin froh, diesen Weg eingeschlagen zu haben - auch wenn das zunächst viele Bedenkenträger auf den Plan rief.

          Die Sie zur Vernunft ermahnten?

          Ja, das hat mich irritiert. Wir haben meine Entscheidung, das beruflich zu machen, selbst in der Familie kontrovers diskutiert. Ich habe aber mein Leben schon damals nicht als Festlegung betrachtet, sondern als Herausforderung.

          Ihre Abenteuerreisen vermarkten Sie ebenfalls so, wie dies schon die klassischen Abenteurer gemacht haben. Sie schreiben Bücher und halten Vorträge.

          Man muss ja auch leben können. Abenteurer waren stets arme Schlucker. Mich beeindruckte immer die Geschichte von Amundsen, der chronisch pleite war und heimlich aus Kristiania fortreiste, als die Gläubiger sein Schiff an die Kette legen wollten. So wollte ich nicht enden. Auch nicht als einsamer Steppenwolf, der sich abends mit seinem Tagebuch unterhält. Das habe ich geschafft. Ich halte auch Seminare für Unternehmen, frei nach dem Motto: Jede Expedition ist ein Unternehmen, und jedes Unternehmen eine Expedition.

          Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nutzten Sie die Gelegenheit, als erstes Schiff die russische Eisregion zu durchsegeln. Dabei bekamen Sie die politische Dimension des „Nordens“ zu spüren. Glauben Sie, mit dem Tauwetter am Pol könnten neue politische Probleme entstehen?

          Mit Sicherheit. Es gibt ganz konkrete Beispiele, die zunächst nur kurios klingen, etwa der dänisch-kanadische Streit um die winzige Hans-Insel. Sie liegt dort, wo Grönland und Kanada auf den Nordpol zulaufen. Jetzt landet dort abwechselnd ein dänischer Hubschrauber, um den Danebrog zu pflanzen, dann kommen wieder die Kanadier mit der kanadischen Flagge. Die Sache schlug wirklich Wellen. Hier geht es letztlich um Bodenschätze.

          Haben Sie noch weitere Beispiele?

          Die Amerikaner haben die Nordwestpassage als nationale Schifffahrtsroute Kanadas nie anerkannt. In den Neunzigern fuhr also schon ein amerikanischer Eisbrecher demonstrativ dort durch. Heute bekommt das Brisanz. Diplomatisch. Wem gehört der Nordpol? Völkerrechtlich ist das gar nicht relevant. Der arktische Ozean ist ein Meer. Aber das wird Verwicklungen geben. Die Kanadier haben Siedlungen im Norden angemeldet, nur um mit ihren Ranger-Patrouillen Präsenz zu zeigen, filmisch dokumentiert und verbreitet. Die Russen haben sich schon lange ihre Kuchenstücke bis dort gesichert. Wir merkten schon bei der Fahrt durch die Nordostpassage, dass die Behördengänge schwieriger werden. Nach Ende des Kalten Krieges konnten wir das erste Schiff sein, das seit 1900 nach Franz-Josefs-Land durfte. Heute merken wir: Die Überwachungsstationen wurden nur zeitweise abgeschaltet. Überall entstehen neue Radaranlagen und Horchposten.

          Sehen Sie den Nordpol als künftigen Brennpunkt?

          Es kann durchaus zu einem Konfliktherd werden. Schließlich geht es um fossile Brennstoffe. Vor der Ostküste Grönlands sprachen wir mit einem Schiff, das wir auf dem Radar ausgemacht hatten. Die untersuchten die Bodenformationen. Es gibt auch Unternehmen, die auf Grönland Häfen und Straßen bauen möchten, um Industrie dort anzusiedeln. Ein bisschen so, wie man früher mit einem Mal Spitzbergen entdeckte.

          Werden die nächsten Touren Sie erneut ins Eis führen?

          Der Norden reizt mich weiter. Ich denke aber über ein Projekt in der Südsee nach, die auch von der Meeresspiegelerhöhung betroffen ist. Sportlich muss ich mir nichts mehr geben. Mich reizt es nun, inhaltlich in die Tiefe zu gehen.

          Haben Sie eigentlich noch Kontakt mit Herrn Messner?

          Um es nur ganz kurz zu sagen: Wir kannten uns vor der Antarktis-Tour nicht, einigten uns dann nüchtern auf diese Unternehmung, stritten uns konstruktiv, hatten Erfolg und ein prägendes Erlebnis. Dann erreichten wir das Ende unserer Gemeinsamkeiten. Wir haben keinen Kontakt mehr.

          Weitere Themen

          Ein langsamer Tod

          Ukraine und Russland : Ein langsamer Tod

          Die Situation am Asowschen Meer spitzt sich schon seit einiger Zeit zu. Russland setzt wieder auf die Mittel des „hybriden“ Kriegs.

          Herzchen, Herzchen

          Balance-Akt : Herzchen, Herzchen

          „Netz-Aktivistin“ ist ein Job von gestern. Viel zu anstrengend, seit Präsidenten und Prinzen alle Tabus brechen. Warum ich unter die Nano-Influencer gehe...

          Topmeldungen

          Warnstreik : Zugverkehr rollt langsam wieder an

          Nach dem heftigen Streik am Montagmorgen normalisiert sich der Zugverkehr sehr langsam wieder. Die Gewerkschaft droht allerdings schon neue Arbeitsniederlegungen an.

          Protest in Frankreich : Wilde Gesten in gelben Westen

          Hat der Aufruhr in Frankreich einen Gesamtwillen? Die Gelbwesten fordern Macrons Rücktritt und zugleich die Einlösung seiner Wahlversprechen: Ein französisches Paradox.

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Die Macht der Netzwerke

          Anne Will versuchte zu erklären, wie sich Annegret Kramp-Karrenbauer durchsetzen konnte. Vieles dürfte ungewiss bleiben, nur eines scheint klar: Netzwerke bleiben für Politiker unerlässlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.