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Geschichtspolitik : Die Toten der Anderen

Der Bürgerkrieg und seine Opfer sind bis heute nicht hinreichend aufgearbeitet: MMassengrab in Nordspanien Bild: Reuters

Vor zehn Jahren begannen die Exhumierungen von Mordopfern des Spanischen Bürgerkriegs, doch noch immer liegen die sterblichen Überreste von mehr als hunderttausend Menschen in Massengräbern: Die Geschichte eines Versagens.

          Vielleicht, heißt es in der E-Mail, die im Oktober eintrifft, erinnern Sie sich. Erinnerung ist das Schlüsselwort. „Vielleicht erinnern Sie sich an Ihren Artikel über die Exhumierung zweier Ermordeter in Navalcán, bei der wir Gelegenheit hatten, uns zu unterhalten.“

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Natürlich erinnere ich mich. Navalcán, ein heißer Tag im August 2006. Eine idyllische Gegend in der Provinz Toledo, hundertdreißig Kilometer südwestlich von Madrid. Und ein Dutzend Menschen, angeführt von einem Gerichtsmediziner und einem Anwalt, die im trockenen Boden außerhalb des Dorfs nach den Leichen zweier Arbeiter suchen, die am 4. Oktober 1936 erschossen worden waren. Die beiden Männer waren weder Soldaten noch politisch aktiv. Sie fielen nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs den Terroraktionen von Francos Militärs zum Opfer. „Paseo“, Spaziergang, nannte man das Abholen und Töten. Die meisten, die „spazierengeführt“ wurden, starben durch Schüsse in Nacken oder Schädel und wurden irgendwo am Wegrand verscharrt.

          Man muss in die Augen der alten Frauen sehen

          Seit dem Sommer 2006 haben mir verschiedene Familien von ihren verschwundenen Angehörigen erzählt, doch immer noch berührt mich die Heftigkeit, mit der siebzig Jahre nach dem Mord die Emotionen hervorbrechen. Es sind keine ganz eindeutigen Gefühle. Oft mischt sich die Erleichterung, endlich reden zu können, mit der doppelten Scham, so lange gelitten und so lange geschwiegen zu haben, und dazu kommt manchmal die Angst, die Täter von damals könnten zurückkehren, um den Geheimnisverrat zu rächen.

          Der spanische Bürgerkrieg endete mit einem knappen Tagesbefehl am 1. April 1939: Franco grüßt die vorbeiziehenden Massen (undatiertes Foto)

          Diese Angst ist nicht leicht zu erklären. Um sie zu verstehen, muss man in die Augen der alten Frauen sehen, die Politik nie gestaltet, sondern immer nur erlitten haben. Auf dem Dorf gelten andere Spielregeln, so war es immer. Diktatur oder Demokratie, am Ende kommt es darauf an, wer die Macht hat. Und im Fall der beiden Arbeiter von Navalcán war der Fall klar. Einer der Mörder wurde nach dem Krieg Bürgermeister, und die Angehörigen der Opfer schlichen fortan wie Schuldige durchs Dorf. Diese Umkehrung der moralischen Lasten ist typisch für Gesellschaften, in denen lange Zeit nicht offen geredet werden durfte. Viele gewöhnen sich daran, senken den Blick und halten für immer den Mund.

          Scheußliche Einzelheiten aus den ersten Bürgerkriegsmonaten

          Erst als der Mann, der als Vierzehnjähriger die Grube schaufeln musste, siebzig Jahre später dem Ende nahe war, ließ er sich dazu überreden, den genauen Tatort preiszugeben. Einige Monate darauf kam der Bagger, um die oberste Geländeschicht abzutragen, und die Feinarbeit mit kleinen Schaufeln, Sieben und Löffeln begann: die Suche nach den Resten der liquidierten Landarbeiter Mariano Rodríguez Muñoz und Benito Otero Martín. Mehr als vier Jahre sind seit der Exhumierung vergangen. Doch endlich, heißt es in der E-Mail vom Oktober, erhielten die beiden Ermordeten eine Gedenkstunde im Kulturhaus von Navalcán. Danach würden ihre sterblichen Überreste auf dem Friedhof beigesetzt. Ob ich kommen wolle?

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