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Gastland Katalonien : Die Stimmen des Meeres und der Flüsse

  • -Aktualisiert am

Blick auf Katalonien: Gaudis „Sagrada Familia” Bild: AP

Wenn die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr die katalanische Kultur als Gast begrüßt, ist damit eine äußerst vitale Region und nicht etwa eine Verwaltungseinheit gemeint. Ein Streifzug durch die katalanische Literatur und ihre den historischen Umständen abgetrotzte Vielfalt.

          Vielleicht ist es dem föderalen Bewusstsein in Deutschland zu verdanken, vielleicht ist es ein Echo der vorhegelianischen Tradition, die kulturelle Identität über den Staat zu stellen, oder die Einsicht (die den Gedanken an eine nationale Wiedervereinigung jahrzehntelang lebendig hielt), dass sich ein Volk durch die Kultur und nicht durch seine politische Strukturen definiert: All diese Faktoren mögen im Spiel gewesen sein, als die Frankfurter Buchmesse beschloss, in diesem Jahr als Gast die katalanische Kultur einzuladen.

          Historisch gesehen schließt dies an die Geste Helmut Kohls an, der sich Mitte der achtziger Jahre beim katalanischen Regierungschef Jordi Pujol dafür entschuldigte, dass Lluís Companys, der Präsident der Generalität, durch Mitwirkung der Gestapo im besetzten Frankreich verhaftet, an Franco ausgeliefert und im Oktober 1940 hingerichtet worden war. Die Rehabilitierung Companys' durch die spanische Regierung steht noch immer aus.

          Mühsam erkämpfte Normalität

          Companys, ein Symbol der Eigenständigkeit Kataloniens, war der einzige demokratisch gewählte Staatsmann in Europa, der während des Zweiten Weltkriegs hingerichtet wurde. Dass Franco ihn im Exil jagen und von einem Sondergericht zum Tode verurteilen ließ, zeigt nur, welchen Hass er den Katalanen entgegenbrachte, deren Autonomie er am 5. April 1938, dem Tag des Einmarschs seiner Truppen auf katalanisches Gebiet, abgeschafft hatte. Seit dem Ende der spanischen Diktatur hat Deutschland den Katalanen also zweimal seinen Respekt erwiesen. Auf ähnliche Gesten der spanischen Demokratie wartet Katalonien bis heute.

          Vor diesem Hintergrund sind die feindseligen Medienreaktionen auf den katalanischen Gastauftritt in Frankfurt kaum verständlich. Nur ausnahmsweise wird die Öffentlichkeit über die katalanische Literatur informiert. Kaum jemand spricht über den besonderen Rang dieser Literatur und ihre herausragenden Vertreter. Stattdessen wird eine Polemik betrieben, die ebenso absehbar wie zweckgerichtet ist.

          Leser, die Barcelona mit spanischsprachigen Autoren wie Eduardo Mendoza, Juan Marsé und Carlos Ruiz Zafón verbinden, empören sich darüber, dass politische Fanatiker deren Auftreten zugunsten anderer Autoren verhindern, die ihnen nichts sagen, also nur schlechter sein können. Doch dem Institut Ramon Llull vorzuwerfen, es diskriminiere spanischsprachige Autoren, geht an der Realität vorbei. Viele dieser Autoren wurden zur Teilnahme in Frankfurt eingeladen, haben jedoch abgelehnt. Verständlicherweise. Warum sollten sie die Rolle von Botschaftern einer Literatur übernehmen, mit der sie auf dem Markt konkurrieren? Weniger verständlich war die unfeine Art, mit der einige die Gelegenheit nutzten, Seitenhiebe gegen eine Institution auszuteilen, zu deren Aufgaben eben nicht die Förderung des Spanischen gehört.

          Unvoreingenommene Leser werden fragen: Wozu die ganze Aufregung? Die Frankfurter Buchmesse hat nicht Katalonien als Region Spaniens eingeladen, sondern seine Literatur, deren Einzigartigkeit in einer mühsam erkämpften Normalität und in ihren eindrucksvollen, vielfacher Gegnerschaft abgetrotzten Werken besteht. Die Frankfurter Entscheidung war so klar, dass ihre Kritiker tatsächlich den Kern der Sache treffen, wenn sie das Wesen der katalanischen Literatur in Frage stellen - nämlich ihre Sprache.

          Katalanische Wende?

          Seien wir ernsthaft. Literatur ist keine Volkszählung, und sie wird nicht von Buchhaltern gemacht. Wie die englische oder deutsche Literatur, so ist auch die katalanische Literatur keine Verwaltungseinheit. Sie besteht aus Werken, deren Autoren aus Katalonien, Valencia, Aragonien, von den Balearischen Inseln und aus dem Roussillon stammen und deren gemeinsames Merkmal ihre Literatursprache ist. Das hat nichts mit Politik zu tun, sosehr die Entscheidung des einzelnen Autors, in welcher Sprache er schreibt, eine politische ist. Die Debatte hat also etwas Künstliches. Die katalanische Literatur ist schließlich keine exotische Erscheinung in der deutschen Verlagswelt. Diese „entdeckte“ die Katalanen 1892 mit Johannes Fastenraths Übersetzung von Victor Balaguers „Die Pyrenäen“ und brachte in der Folge die führenden Vertreter der Renaixença (der literarischen Wiedererweckung im neunzehnten Jahrhundert) sowie einige ältere Klassiker heraus.

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