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Gastland Katalonien : Die Stimmen des Meeres und der Flüsse

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Pla, der wie Salvatore Dalí aus L'Empordà im Nordosten Kataloniens stammt und sich, wie Dalí, nach dem Bürgerkrieg in diesen Winkel des Landes zurückzog, ist zugleich bodenständig und weltoffen. Als Zeuge der katastrophalen Wendepunkte seines Jahrhunderts - Mussolinis Marsch auf Rom, die ersten Jahre der Sowjetunion, die Flucht von Alfons XIII. ins Exil, Hitlers Machtergreifung, die anarchistische Revolution in Barcelona und Francos „Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung“ - schwor er abstrakten Utopien ab, um sich der Sinnenfreude und dem Konservatismus dessen zuzuwenden, der weiß, dass das Leben eine Serie von Abschieden und Verlusten ist.

Diese Buchmesse hat aber noch weitere Entdeckungen zu bieten: „Solitud“, die Neuausgabe zur Hundertjahrfeier von Victor Catalàs „Sankt Pons“; ferner „Privatleben“, den großen Roman von Josep María de Sagarra über das Barcelona der zwanziger Jahre; Llorenç Villalongas „Das Puppenkabinett des Senyor Bearn“, einen Roman über die dekadente mallorquinische Aristokratie, der an Lampedusas jüngeres Werk „Der Leopard“ erinnert; und Eugeni Xammars „Das Schlangenei“, eine Sammlung von Artikeln, die im Berlin der Inflationsjahre entstanden. Für die Freunde phantastischer Literatur liegt nun auch „Pandora im Kongo“ vor, der zweite Roman von Albert Sánchez Piñol, dessen „Im Rausch der Stille“, ein spannender Roman über menschenfressende antarktische Ungeheuer, vor einigen Jahren in die deutschen Buchhandlungen kam.

Doch die größte Überraschung dürfte Jaume Cabrés „Die Stimmen des Flusses“ sein, eine Tour de force über den Widerstand in den Pyrenäen in den vierziger Jahren. Der Leser erlebt die Brutalität der Falangisten, die Ambivalenz von Stärke und Schwäche und die Kapillarität der Erinnerung (um den etwas altbackenen, aber praktischen Foucaultschen Begriff zu verwenden) in einem Austausch zwischen Geschichte und Bewusstsein. Ein grandioses Werk, dem gelingt, was jeder Schriftsteller erreichen will, doch nur selten schafft: uns Leser in ein eigenes moralisches und emotionales Universum zu locken.

Wer Provinz erwartet, wird enttäuscht

Die katalanische Literatur ist keine Schule, weder künstlerisch noch ideologisch. Wie von einer eigenständigen Literatur zu erwarten, hat jeder Schriftsteller seine eigene Sichtweise, seine eigenen Obsessionen, seinen eigenen Stil. Die Besten von ihnen stützen sich nicht nur auf große Kenntnisse der Weltliteratur, sie offenbaren auch jenes Bewusstsein multikultureller Räume, das den Kern der katalanischen Identität ausmacht, ohne dabei zu vergessen, dass sich das Leben immer an einem bestimmten Ort abspielt. Wer eine provinzielle Gemeinschaft erwartet, wird enttäuscht sein. Er wird vielmehr ein breites Spektrum kultivierter Menschen finden, in deren Denken die ganze Welt zu Hause ist.

Im Gespräch mit einem englischen Bewunderer vertrat Goethe die Ansicht, dass, „wenn einer jetzt das Deutsche gut versteht, er viele andere Sprachen entbehren kann“. Zu den entbehrlichen Sprachen rechnete er das Spanische. Man müsse es nicht mühsam erlernen, da die Fügsamkeit des Deutschen für treue und vollkommene Übersetzungen sorge. Goethe versicherte aber auch: „Es liegt in der deutschen Natur, alles Ausländische in seiner Art zu würdigen und sich fremder Eigentümlichkeit zu bequemen.“ Diese Bereitschaft der Deutschen, alles Ausländische zu schätzen, wird heute niemand mehr bezweifeln. Und wenn sich der sommerliche Sturm der Missverständnisse gelegt hat und die Frankfurter Buchmesse am kommenden Dienstag ihre Pforten öffnet, bitten die katalanischen Schriftsteller nur um eines: Man möge ihnen eine Chance geben.

Joan Ramon Resina, Jahrgang 1956, leitet die Abteilung für spanische und portugiesische Philologie an der Stanford University.

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