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Gastland Katalonien : Die Stimmen des Meeres und der Flüsse

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Aus naheliegenden Gründen kam die vielversprechende Entwicklung in den dreißiger Jahren zum Stillstand und wurde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, erst in den achtziger Jahren wiederaufgenommen, parallel zum Wiederaufbau der katalanischen Institutionen. Dank des wiedererwachten Interesses konnte Joanot Martorells „Der Roman vom weißen Ritter“ („Tirant lo Blanc“) übersetzt werden, ein Werk - Cervantes pries es als das „beste Buch in der Welt“ -, das eine wichtige Rolle in der Geschichte des europäischen Realismus spielt. Übersetzt wurden auch Gedichte von Salvador Espriu und Josep Vicenç Foix, zwei Lyrikern, die als Nobelpreiskandidaten galten.

In den neunziger Jahren brachten deutsche Verlage eine Vielzahl katalanischer Werke heraus, darunter Jesús Moncadas Roman „Die versinkende Stadt“, der zwischen Proustscher Erinnerungsschwere und magischem Realismus angesiedelt ist. Das Werk dieses aragonesischen Autors ist eine eindrucksvolle Auseinandersetzung mit räumlicher Erinnerung und verdichteter Geschichte. In derselben Zeit erschienen auch zwei wunderbare Romane mallorquinischer Autoren, Baltasar Porcels „Galopp in die Finsternis“ und Carme Rieras „Ins fernste Blau“, ein Werk, das die Vernichtung der jüdischen Gemeinde Mallorcas im siebzehnten Jahrhundert behandelt.

Auch wer nicht in die Begeisterung jener einstimmt, die in der Buchmesse gleichsam eine katalanische „Wende“ sehen, kann sich über die starken Impulse freuen, die von dieser wichtigen Veranstaltung ausgehen, ebenso wie über die Neuerscheinungen, die in Frankfurt präsentiert werden. Drei Autoren von Weltrang verdienen besondere Aufmerksamkeit. Mercè Rodoreda (deren Roman „Auf der Plaça del Diamant“ Gabriel García Márquez als den besten Roman bezeichnete, der in Spanien im zwanzigsten Jahrhundert veröffentlicht wurde) fügt mit „Weil Krieg ist“ ihrer bereits langen Liste deutscher Übersetzungen einen weiteren Titel hinzu. Der Roman entführt uns nicht auf einen realen Kriegsschauplatz, er schildert vielmehr die phantastischen Abenteuer eines jungen Deserteurs vor dem Hintergrund eines namenlosen Krieges in all seiner Brutalität.

Dichtung in finsteren Zeiten

Besonders erfreulich ist die Übersetzung der gesammelten Gedichte von Salvador Espriu. Kein anderer iberischer Dichter des vergangenen Jahrhunderts, mit Ausnahme vielleicht des Portugiesen Fernando Pessoa, hat so kulturgesättigte Lyrik mit vergleichbarer Nüchternheit des Ausdrucks geschrieben. Espriu, ein städtischer Einsiedler, der über Jahre hinweg und ohne öffentliche Aufmerksamkeit an seinem Sprachblock arbeitete, ist ein lebendiges Symbol dieser Sprache und der katalanischen Dichtung in finsteren Zeiten. Gleichsam leitmotivisch ziehen sich Verweise auf fremde Kulturen durch sein Werk. Hätte er auf Deutsch geschrieben, hätte er die dichterische Inspiration für Heideggers Begriff des Wohnens sein können. Espriu ist einer der großen Philosophen-Dichter, deren Denken um das Wesen der Sterblichkeit kreist.

Das schönste Geschenk in diesem Jahr sind die Übersetzungen von Josep Pla, einem Giganten der katalanischen Literatur, der in Deutschland bislang nur mit seinem Gaudí-Buch bekannt geworden ist. „Das graue Heft“, sein halbfiktionales Tagebuch von 1918/19, das den Alltag von Barcelona wie in einem Fotoalbum mit Anmerkungen eines Skeptikers zeigt, dürfte deutschen Lesern ebenso gefallen wie „Der Untergang der Cala Galiota. Geschichten vom Meer“, atmosphärisch dichte Erzählungen vom Leben an der Costa Brava, und „Enge Straße“, das Porträt einer Provinzstadt vor dem Einzug des Massentourismus.

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