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Filmfestspiele in Cannes : Triumph des rumänischen Kinos

Stolzer Gewinner: Mungiu mit der Goldenen Palme Bild: dpa

In Cannes wurde eine schier endlose Parade sehenswerter Filme präsentiert. Doch dann kam alles wie vorgesehen: „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ gewann die Goldene Palme. Zu Recht. Von Verena Lueken.

          3 Min.

          Am Ende des Filmfestivals, das auch im besten Jahr seit langem nur zum Teil aus der schier endlosen Parade sehenswerter Filme bestand, zum anderen Teil aus glamourösen Märschen über rote Teppiche, Partys mit Zugangsbeschränkungen und allgegenwärtigem Marktgeschrei, kam es wie vorhergesehen. Die Goldene Palme ging an den Rumänen Cristian Mungiu für seinen Film „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er lief an einem der ersten Tage im Wettbewerb, was häufig ein Nachteil ist, vor allem, wenn die Filme, die folgen, so beeindruckend sind wie einige in diesem Jahr. Doch Mungiu blieb der Favorit, und angesichts seiner Hauptkonkurrenten, allen voran „No Country for Old Men“ der Coen-Brüder, die bereits in früheren Jahren eine Goldene Palme gewonnen hatten, war ziemlich sicher, dass die Jury unter Stephen Frears sich für ihn entscheiden würde.

          Kein so hartes Schicksal

          Zu Recht, der Film war noch nach einer guten Woche voller sehenswerter Filme im Gedächtnis präsent, während sich die Spuren anderer längst verflüchtigt hatten. Verbunden mit dem Preis der Reihe „Un Certain Regard“ an den kurz vor Fertigstellung des Films im Alter von siebenundzwanzig Jahren verstorbenen Cristian Nemescu für „California Dreaming“ endete Cannes in diesem Jahr mit einem Triumph des rumänischen Kinos.

          Naomi Kawase freut sich über den Großen Preis des Festivals
          Naomi Kawase freut sich über den Großen Preis des Festivals : Bild: AFP

          Dass herausragende Filme deshalb mit kleineren Preisen vorlieb nehmen mussten, ist kein so hartes Schicksal, auch wenn die Auswahl in einigen Fällen überrascht. Oder, wenn man die Mechanik der Preisverteilung durch Juroren aus unterschiedlichen Kulturkreisen mit ihren jeweiligen Vorlieben berücksichtigt, doch wieder nicht. In diesem Jahr mussten sich unter Frears' Vorsitz die Regisseure Marco Bellocchio aus Italien und Abderrahmane Sissako aus Mauretanien mit den Schauspielerinnen Maggie Cheung aus China, Toni Collette aus Australien, Sarah Polley aus Kanada und Maria de Medeiros aus Portugal einigen und auch noch die Urteile von Michel Piccoli sowie des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk berücksichtigen.

          Den Juroren stand der Sinn nach Kunst

          Ihnen allen stand der Sinn offensichtlich nach Kunst, und so entschieden sie sich für einen geopolitisch gerecht verteilten Pudding, von dem Amerika, die stärkste Filmnation der Welt mit beeindruckender Präsenz in Cannes, nichts abbekam außer dem Jubiläumspreis für Gus van Sant und seinen „Paranoid Park“.

          Immerhin ging der Regiepreis an den Amerikaner Julian Schnabel für seinen französischen Film „Schmetterling und Taucherglocke“, aber weder die Coens noch David Fincher mit „Zodiac“ wurden erwähnt, und ginge es nur um die Filme, müsste man sagen, ganz gerecht war das nicht.

          Gekämpft und gewonnen

          Sie habe gekämpft und gewonnen - mit diesen Worten überreichte der Präsident des Filmfestivals, Gilles Jacob, am Vorabend der offiziellen Preisverleihung eine Ehren-Palme an Jane Fonda. Mit demselben Satz hätten all die starken Frauen gewürdigt werden können, die in diesem Jahr in den Festivalfilmen vor der Kamera agierten. Eine von ihnen, die Südkoreanerin Jeon Do-yeon, nahm für ihre Rolle in „Sonnenschein“ von Lee Chang-dong die Palme als beste Darstellerin entgegen, ergänzt von einem Handkuss von Alain Delon, der von starken Frauen ja eigentlich nicht viel hält. Wenn man den Preis an Jeon Do-yeon als Würdigung auch der anderen nimmt, zu denen Hannah Schygulla in Fatih Akins „Auf der anderen Seite“ gehörte und Ekateryna Rak in Ulrich Seidls „Import Export“, die Therapeutinnen bei Schnabel und die Amazonen aus Tarantinos „Death Proof“, dann hat dieser Preis eine unübersehbare Logik. Allerdings tatsächlich nur dann.

          Denn die Preise für Einzelleistungen gelten natürlich auch den Filmen, und „Sonnenschein“ über eine Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes ein neues Leben sucht, aus dem bald auch ihr Sohn auf tragische Weise verschwindet, war trotz emotionaler Dichte und ruhiger Alltagsbeobachtungen eine über Strecken zähe Angelegenheit. Während Jeon Do-yeons Leistung davon unbeschadet bleibt, ist der Darstellerpreis an den Russen Konstantin Lavronenko für seine Rolle in Andrei Zvyagintsevs Filmpräziose „Die Verbannung“ gänzlich unverständlich.

          Der Drehbuchpreis für Fatih Akin, der daraufhin gleich verkündete, er wolle jetzt nach Hollywood, bestätigt den Erfolgskurs des deutschen Kinos auch jenseits der Berlinale. Dass der rumänische Palmengewinner aussieht wie ein Film, der eher ins nebelige Berlin als an die sonnige Croisette gehört hätte, ist eine der Ironien des Jubiläumsprogramms, dessen Qualität die kommenden Festivals in Venedig und Berlin unter gehörigen Druck setzt, es ihm gleichzutun.

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